
Besonders großzügig – das war die jüngste „Lokalrunde“ im Literaturhaus Köln. Da war nicht nur von Esskastanien und Vogelkirschen die Rede, von Köln und Cannes, von Schönheit und Schweigen. Auch waren diesmal in der Reihe, die Autorinnen und Autoren aus Stadt und Umland vorstellt, gleich drei von ihnen am Start: Jennifer Segebrecht, Guy Helminger und Jürgen Nendza. Da hatte jeder seinen eigenen Ton und sein eigenes Thema. Doch am Ende ergab sich daraus ein hörenswerter Dreiklang. Ein weiteres Zeichen der Vielfalt im Kölner Literatur-Biotop.
Los ging es mit Jennifer Segebrecht, deren Debütroman „Muttertage“ im Verlag Pfaueninsel erschienen ist, einem Imprint von Bastei Lübbe. Es ist ein bewegender Mütter-Töchter-Roman, reich an familiären Verwerfungen und sensibel in der Darstellung. Am Sterbebett der Großmutter Ulrike stellt Enkelin Charly fest: „Unter all den Geschichten mussten irgendwo die Wahrheiten liegen, die Negative aller Bilder, noch glänzend und unversehrt unter der verbrannten Erde, die zurückgeblieben war.“
Eiszeit zwischen Mutter und Tochter
So lernen wir drei Frauen-Generationen kennen, die miteinander nicht können. Da reichen Kleinigkeiten aus, um für den nächsten Knalleffekt oder eisiges Schweigen zu sorgen. Was das mit Mutterschaft und Leistungsdruck, Egoismus und Einsamkeit zu tun hat, erzählt Jennifer Segebrecht in vielen feinen Färbungen. Hauptberuflich ist sie als Wirtschaftspsychologin aktiv – und gleich meint man: das Studium trägt Früchte auch in ihrer Literatur.
Im Gespräch mit Marie Foulis erläuterte die Autorin, dass sie einen Roman habe schreiben wollen, in dem Frauen mit sich selbst hadern und „nicht schon wieder“ auf Männer reagieren. Die dafür erforderlichen Recherchereisen seien „super“ gewesen, um sich dem Schreiben entziehen zu können und dennoch produktiv zu fühlen. Ihre Protagonistinnen seien auf der Suche nach dem Ort, wo sie ankommen könnten. Für Ulrike, Barbara und Charly ist dies strapaziös – für die Leserinnen und Leser hingegen attraktiv.
Die Sackkarre des Lebens
In der zweiten Halbzeit der Lokalrunde wurde die Gattung gewechselt, folgte Lyrik auf Prosa. Christof Hamann stellte die jüngsten Gedichtbände von Guy Helminger und Jürgen Nendza vor. Und beiläufig verriet der Literaturwissenschaftler als Moderator, dass er Gedichte nicht nur lese, sondern auch abschreibe, um ihnen näher zu kommen. Respekt!
In „Gebäude für Breitengrade“, erschienen im Elif Verlag von Dincer Gücyeter, begibt sich Guy Helminger auf Reisen. In treibenden Versen – jeweils sind es zwei pro Strophe – geht es hinaus in die Welt und hinein in die Gesellschaft. Ein wilder Ritt, der hervorragend unterhält. Dies liegt auch daran, dass Guy Helminger mit dem Schalk im Nacken unterwegs ist: „An der Fassade lehnt die Sackkarre des / Lebens und blickt nach China“. An anderer Stelle heißt es: „Ich habe Verse wie ein Pfau Federn“. Das stimmt gewiss.

Bauchsammlerin und Granatwerfer
Jürgen Nendza, der zuletzt den Lyrikband „Auffliegendes Gras“ (HIER) veröffentlicht hat, erweist sich in „Passagen mit Mauerbiene“ (Poetenladen) einmal mehr als Landschaftslyriker der neuen Zeit. Da wird nicht die Idylle beschworen, sondern der Wandel bedacht. Die Fülle der naturnahen Vokabeln erweckt zuweilen den Eindruck, als ginge es hier um eine Bestandsaufnahme vor dem finalen Verlust. Diesen Gedichten kann man sich selbstverständlich ohne Rüstzeug nähern. Allerdings sorgen die Begriffserklärungen im Anhang für eine deutliche Steigerung des Vergnügens. Es ist eben gut zu wissen, was es mit „Bauchsammlerin“ und „Tjulpan“ auf sich hat, wenn die beiden Vokabeln aufeinandertreffen – die Mauerbiene und der Granatwerfer.
Manches war zu erfahren über den Schreibprozess der beiden Lyriker, auch über das Verhältnis von Zufall und Kalkül, von „Synapsen-Zapping“ bei Guy Helminger und von „poetischen Schauapparaten“ bei Jürgen Nendza. Der eine recherchiert und sammelt, bevor er sich ans Schreiben macht, und der andere gräbt immer weiter und tiefer. Auch sind die beiden Lyriker mit unterschiedlichen Geschwindigkeiten unterwegs. Während Jürgen Nendza seine Verse mit der Ruhe eines Wanderers vorträgt, drückt Guy Helminger aufs Gaspedal, als gelte es, nicht die Fähre zu verpassen. Doch die Intensität der Gedichte lodert da wie dort.
Martin Oehlen
Auf diesem Blog
haben wir Guy Helmingers Romane „Lärm“ (HIER) und „Die Lombardi-Affäre“ (HIER) gewürdigt.
Jürgen Nendzas Gedichtband „Auffliegendes Gras“ (HIER) haben wir vorgestellt und über seinen Aufritt bei „Nimm Platz“ auf dem Kölner Neumarkt berichtet; dort ging es unter anderem um die Klangskulptur „Sagen die Luftwurzeln“ (HIER)
In dem „horen“-Band 297, der sich der Kölner Lyrikszene widmet, sind auch Gedichte von Guy Helminger („Fahrt durch Nacht und Nehmen“) und Jürgen Nendza („Streuschatten“) zu finden (HIER).
Im Literaturhaus Köln
steht die nächste Lokalrunde schon am kommenden Montag, 2. November 2026, auf dem Programm. Dann sind Jennifer de Negri und Selim Özdogan zu Gast. Um 19 Uhr geht’s los. Die Lokalrunde im Literaturhaus Köln wird unterstützt von JTI und der Sparkasse KölnBonn.
Guy Helminger: „Gebäude für Breitengrade“, Elif Verlag, 154 Seiten, 22 Euro.
Jürgen Nendza: „Passage mit Mauerbiene“, Poetenladen, 88 Seiten, 19,80 Euro.
Jennifer Segebrecht: „Muttertage“, Pfaueninsel, 272 Seiten, 22 Euro.


