Fast wie im richtigen Leben: Guy Helmingers Roman „Die Lombardi-Affäre“ über Kunst und Kungelei

Alles hängt mit allem zusammen, meint der Romanheld Georges Husen, der für die zeitgenössische Kunst kämpft. Unser Bild zeigt Ingo Wendts Seifenblasen-Projektor, eine Kunst-Installation im Rahmen der Collumina 2020 in Köln. Kaum minder dicht verwoben ist die Lichtinstallation „Vis-à-vis“ von Detlef Hartung und Georg Trenz, die ebenfalls während der Collumina zu sehen war und hier am Kopf der Seite steht. Foto: Bücheratlas

Ich lasse mich nicht zum Verwirrten machen.“ sagt Georges Husen. „Ich war nie klarer im Kopf als jetzt.“ Zu dem Zeitpunkt sitzt der Schriftsteller mal wieder mit dem Psychologen Dr. Laurent zusammen. Aus traurig-offiziellem Grund. Husen hat einen Mord begangen. Seinen Nachbarn hat er mit einem Messer getötet. Und Laurent soll nun herausfinden, wie es um den Geisteszustand des Täters bestellt ist.

Wie konnte das passieren? Das ist eine lange, vertrackte Geschichte. Wir machen sie kurz. In Luxemburg schiebt Museumsdirektor Lombardi während eines TV-Interviews das Mikro einer Reporterin zur Seite. Daraus wird ihm eine Grobheit konstruiert. Der Premierminister nutzt den Vorfall, um den Museumsmann loszuwerden. Denn der Premier mag die Kunst, sagt er, aber nicht diejenige, die Lombardi ausstellt. Die ist nämlich zeitgenössisch und herausfordernd. Der Premier schätzt vor allem Musicals. (Da fällt uns eine Gedichtzeile aus Guy Helmingers „Die Tagebücher der Tannen“ ein: „Es gibt sie wirklich diese Luxemburg-Stadt / Ihre Sucht nach Butter ließ die Liebhaber / schmierig werden“. Aber lassen wir das und bleiben beim Roman!). Georges Husen, der im Fernsehen das „Kultur“-Magazin moderiert, rutscht in den Lombardi-Skandal hinein. Seine Sendung wird abgesetzt. Der Fall kulminiert recht überraschend darin, dass der Schriftsteller seinen Nachbarn Klaus Bernaz umbringt.

Der geschasste Museumsmann

Mit der Lombardi-Affäre greift Guy Helminger einen realen Fall auf, der 2016 in seinem Geburtsland Luxemburg als Lunghi-Affäre für Wirbel gesorgt hat. Die Parallelen sind zahlreich. Bis hin zu dem Lied, das Lombardi-Lunghi, der geschasste Direktor des Museums für Moderne Kunst, für den Premier auf Youtube eingestellt hat. Ebenso ließen sich einige Parallelen zwischen Helminger und seinem Erzähler Husen auflisten. Nicht nur die Initialen G und H,  die Teilnahme am Bachmann-Wettbewerb 2004 oder die Moderation des „Kultur“-Magazins im RTL-Programm, sondern auch einige Erfahrungen als freischaffender Künstler.

Dennoch gilt, was im Vorspruch zum Roman steht: „Auch wenn Wirklichkeit durch diesen Text schimmert, so ist es doch Literatur.“ Wir lesen keine Dokumentation wie sie Helminger ebenfalls beherrscht (etwa im Iran-Tagebuch, vermutlich auch in den Aufzeichnungen aus dem Jemen, die wir leider nicht kennen). Und nur in der Fiktion kommt es zum Mord.

Alles hängt mit allem zusammen

Der Roman zählt lediglich 136 Seiten. Mit allem Drum und Dran. Dennoch findet sich auf dieser Kurzstrecke eine solche Vielzahl an Geschichten, zuweilen im Miniatur-Format präsentiert, dass sie sogar für mehr als einen dicken Wälzer reichen könnten. Diese originellen, mit Witz durchwirkten Partikel wollen andeuten, dass alles mit allem zu tun habe. Das ist eine Grunderfahrung von Husen: „Ich glaube nicht, dass alles vorherbestimmt ist. Es ist nur alles miteinander verbunden.“ Zum Beweis führt der Ich-Erzähler unter anderem eine buntgescheckte, sehr amüsante Ahnenreihe an, und er schildert einen Mordfall in China, über den er bestens informiert ist.

Bei diesem personenreichen Ereigniswirbel droht dem Leser schon einmal die Orientierung abhandenzukommen. Aber das macht nichts. Das passt zu diesem Spiegelkabinett aus Fakt und Fake.

Es darf nicht nur der Mainstream sein

Mit der „Lombardi-Affäre“ hat Helminger seinem Ärger über die luxemburgische Kulturpolitik Luft verschafft. Sein Roman plädiert nicht nur mittelbar, sondern ausdrücklich dafür, die zeitgenössische Kunst zu ermöglichen und zu respektieren. Selbstverständlich nicht nur in Luxemburg. Ja, es darf nicht alles Mainstream sein, für den der Premier und seine kungelnden Skatfreunde plädieren. Wer wollte dem widersprechen?

Stärker als diese programmatischen Passagen überzeugen die erzählerischen. Mit einem selbstbewussten Ich-Erzähler, der auch schon einmal vorherzusagen weiß, was in der Zukunft geschieht. Und mit einem ganzen Sack voller Geschichten, die für Staunen und Vergnügen sorgen. Das Spektrum reicht von Goethe bis zum Darknet. Diese Erzählpower ist reift für einen dicken Wälzer.  

Martin Oehlen

Guy Helminger: „Die Lombardi-Affäre“, Capybarabooks, 136 Seiten, 17,95 Euro.

Erwähnte Werke

Guy Helmingers Gedichtband „Die Tagebücher der Tannen“ ist 2018 in der Edition Rugerup erschienen. Seine Aufzeichnungen aus dem Iran hat er unter dem Titel „Die Allee der Zähne“ ebenfalls 2018 bei Capybarabooks veröffentlicht.

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