
Ich heiße Michael Köhlmeier“, sagt der vierjährige Junge aus Coburg, als er auf dem Bahnhof von Lindau einen fremden Mann begrüßt. „Und ich heiße Arnold Köhlmeier“, sagt der Mann. Darauf der Junge: „Grüß Gott, Herr Arnold Köhlmeier.“ So lernen sie sich kennen – der Vater und der Sohn. Und dann fahren sie noch ein wenig mit dem Zug um den Bodensee herum nach Vorarlberg, wo der Vater ein Haus gebaut hat und wo die die halbseitig gelähmte Mutter in einem Metallbett liegt.
Ins Zentrum des Hauses in Hohenems habe der Vater eine Stiege platziert, schreibt Michael Köhlmeier in dem Roman „Mein privates Glück“. Die Stiege diene nicht nur zum Hinauf- und Hinabgehen. Früher habe er dort seine Hausaufgaben gemacht, „und heute sitze ich an der gleichen Stelle, wenn ich am Abend Gitarre spiele.“
„Also erzähle ich es“
Wer das eigene Leben erzählen will, zielt sehr hoch. Daher ist es immer eine gute Idee, sich für die Gattungsbezeichnung Roman zu entscheiden. Wie auch in diesem Fall geschehen. Denn selbstverständlich ist die Erinnerung trügerisch und selbstverständlich entspringen viele Dialoge der Fantasie des Autors. Wie auch soll er als Kind all die Auseinandersetzungen der Erwachsenen mitbekommen haben, wie gar ihre Gedanken, die er zuweilen in Worte fasst. Bei alledem besteht allerdings kein Zweifel, dass hier einer hart darum gerungen hat, seine Geschichte so zu erzählen, als wäre dies die ganze Wahrheit.
Ja, es sei eine heikle Sache, versichert der Autor, über sich selbst zu schreiben. Heikel in vielerlei Hinsicht. Das bekommen auch die Leserinnen und Leser mit. Einmal wendet sich Michael Köhlmeier an seine Ehefrau Monika Helfer. Die Schriftstellerin, die im August tragischerweise nach einem Sturz verstorben ist, hat ihrerseits schon autofiktionale Romane über ihre Großeltern und ihre Mutter, ihren Vater, ihren Bruder Richard und ihre Schulfreundin Gloria veröffentlicht. Nun schreibt Michael Köhlmeier: „Monika, ich weiß, das wünschst du nicht, aber es ist auch mein Leben, also erzähle ich es.“ Also erzählt er, es sei seine größte Sorge seit seinem 13. Lebensjahr, „dass sich einer meiner liebsten Menschen das Leben nehmen könnte.“ Und dann erwähnt er die Versuche der Ehefrau und auch der gemeinsamen Töchter, sich das Leben zu nehmen. Mehr öffnen kann man sich kaum.
Rückblick ohne Weichzeichner
„Mein privates Glück“ besticht durch diese schonungslose Offenheit. Der Vater habe mit ihm „bis wenige Monate vor seinem Tod“ nichts anfangen können, lesen wir. „Erst nahe dem Ende sprachen wir wie Freunde miteinander.“ Und die Mutter sei eine „wild unbeherrschte Frau“ gewesen. Allerdings geizt der Autor, der die Hauptfigur in diesem Roman ist, auch nicht mit Selbstkritik.
Ohne Weichzeichner setzt Michael Köhlmeier seine Vita in Szene, zumal die der frühen Jahre. Die ist von Liebe und Zorn geprägt. Von Solidarität und Ausbruch. Von moralischen und religiösen Fragen. Dabei ist die körperlich so sehr eingeschränkte Mutter der Pol, auf den sich vieles bezieht. Die Lähmung war auch der Grund dafür, dass die Eltern ihren Sohn Michael und die ältere Tochter Walli zunächst bei der Großmutter in Coburg untergebracht hatten.
Den „Faust“ im Muff
Es ist ein Roman, der viel zu erzählen hat. Von dem Jungen, von der Mutter, von dem Vater und seinen Geliebten. Von der Lust am Erzählen selbst, die in der Familie auffällig war.
Manchmal auch gibt es Einflüsterungen der längst verstorbenen Mutter. Der Sohn solle von den Büchern schreiben, die sie immer in ihrem Muff getragen habe, den „Faust“, Rilkes Gedichte und Edith Stein. „Der Edith Stein musst du ein ganzes Kapitel widmen. Ein eigenes Kapitel! Verstehst du!“ Und der Sohn versteht. Das 36. Kapitel gehört der Nonne und Philosophin, die 1942 in Auschwitz ermordet und 1998 heiliggesprochen wurde.
Mit Zuversicht durchs Leben
Mehr oder minder chronologisch geht es voran. In drei Teilen und insgesamt 50 pointierten Kapiteln – mal thematisch grundiert, mal ereignisorientiert. Kleine Textinseln mit historischen Ereignissen dienen weniger der Orientierung. Vielmehr demonstrieren sie, wie sehr es das scheinbar Kleine des Alltags mit dem Weltgeschehen an Wucht aufnehmen kann. Nur dass es sich dabei in der Regel um Krisen und Erfolge handelt, die privat verhandelt werden. Es sei denn – es sei denn, da kommt ein kluger Kopf daher und schreibt alles auf. So erfahren nun Leserinnen und Leser zu ihrem Glück, was Michael Köhlmeier als „Mein privates Glück“ beschreibt.
Ein schönes und starkes Buch. Selbstredend völlig kitschfrei, aber immer wieder anrührend. Mit einem Ende, das einem Motto des Autors entspricht. Seine Zuversicht, betont Michael Köhlmeier an gleich zwei Stellen, bestehe darin: „Alles wird sich irgendwann irgendwie zurechtschütteln.“ Was man sich nur wünschen kann. Den Roman gewidmet hat er – „Monika“.
Martin Oehlen
Auf diesem Blog
haben wir schon viele Romane von Michael Köhlmeier vorgestellt. Zuletzt ging es um „Die Verdorbenen“ (HIER), „Das Philosophenschiff“ (HIER) und „Frankie“ (HIER).
Auch die Romane von Monika Helfer haben wir vorgestellt zuletzt „Die Jungfrau“, davor „Die Bagage“, „Vati“ und „Löwenherz“ .
Michael Köhlmeier: „Mein privates Glück“, Hanser, 306 Seiten, 26 Euro. E-Book: 19,99 Euro.
