Tiefe Kratzer an der Naturschutz-Ikone: John Muirs „Yosemite“-Eloge und die Saat des Rassismus

Über die Sequoias sagt John Muir, dass sie die „Könige der Bäume“ seien. Foto: Bücheratlas

John Muir gilt als „Vater der Nationalparks“ in den USA. Diesen Ruf erlangte er vor allem mit seinen Schriften, in denen er die Natur emphatisch feierte, vor allem den Yosemite Park, in dem er sich zehn Jahre lang aufgehalten hat. Auch wird sein Camping-Ausflug mit US-Präsident Theodore Roosevelt im Jahre 1903 gepriesen als wegweisend zu einem besseren Schutz der Natur. Zudem ist er Mitbegründer des „Sierra Clubs“, einer der ältesten und immer noch aktiven Naturschutzorganisationen weltweit.

Ureinwohner sollen weichen

Mittlerweile allerdings schaut die Öffentlichkeit auch noch aus einem anderen Blickwinkel auf John Muir, der 1838 im schottischen Dunbar geboren wurde und 1914 in Los Angeles gestorben ist. Kein Zweifel besteht an der begeisternden Beschreibung von Bergrücken und Wasserfällen, von Flora und Fauna. Doch dass Muir zu denen gehört hat, die die Ureinwohner als Störfaktoren inmitten der natürlichen Schönheiten betrachtete, wird ihm nun angelastet. Zumal die Rassismus-Debatte nach der Ermordung von George Floyd in den USA im Mai 2020 hat diese Debatte intensiviert. Schon distanziert sich der „Sierra Club“ von einem seiner Ahnherren.

Die Kritik erläutert Mordecai Ogada im Vorwort zur Neuausgabe von John Muirs ikonischem „Yosemite“-Band, der erstmals 1912 erschienen ist und nun in der „Naturkunden“-Reihe bei Matthes & Seitz vorliegt. Der kenianische Essayist weist zunächst darauf hin, dass „das Naturschutz-Narrativ“ vom Beginn des 20. Jahrhunderts bis zum Beginn des 21. Jahrhunderts geprägt gewesen sei durch „die Dominanz der Weißen darin“. Und Muir war eine ihrer Zentralgestalten.

Naturschutz und Kolonialismus

Der Naturfreund sehnte sich nach der „unberührten Wildnis“. Vor diesem Hintergrund habe Muir die amerikanischen Ureinwohner als „unrein“ angesehen, schreibt Ogada, „als eine Art Schandfleck auf der unberührten Wildnis des Yosemite“. Damit habe Muir die „Saat des Rassismus im Naturschutz“ gelegt. Auch hält es Ogada für erwiesen, dass Naturschutz in Vergangenheit und auch in der Gegenwart „ein integraler Bestandteil des Kolonialismus“ sei, da er indigene Völker aus Landschaft und Lexikon „entfernt“ habe.

Solcherart sensibilisiert liest man gegen Ende von John Muirs Yosemite-Eloge von der Vertreibung der Ureinwohner. Dass Muir ihnen nicht gewogen ist, steht außer Frage, spricht er doch pauschal von „ihrer üblichen mordenden und plündernden Art“. Auch zweifelt er nicht an der Vertreibung der Stämme: „Einige wurden friedlich umgesiedelt. Bei anderen war es notwendig, ihre Dörfer und Vorräte zu verbrennen.“

„Der weiße Mann hat nichts, was wir benötigen“

Allerdings bezeugt Muir auch, womöglich unfreiwillig, mit welcher Würde Häuptling Tenaya vom Stamme der Grizzlies auf die Aufforderung reagiert hat, das Gebiet zu verlassen und sich dem „Schutz der Regierung“ zu unterstellen. Die Drohung, anderenfalls würde Gewalt angewendet, beeindruckte den Häuptling zunächst einmal gar nicht: „Meine Leute brauchen nichts von alledem, was uns euer Großer Vater anbietet. Der Große Geist ist unser Vater, und er hat uns schon immer mit allem versorgt, was wir brauchten. Der weiße Mann hat nichts, was wir benötigen. Unsere Frauen sind imstande, ihre Arbeit zu verrichten. Also geht, und lasst uns in den Bergen bleiben, in denen wir geboren wurden und in denen wir die Asche unserer Ahnen dem Wind übergeben haben. Mehr habe ich nicht zu sagen.“

Bis zur finalen Schilderung der Vertreibung konzentriert sich John Muir auf die faszinierende Natur. Da werden Berge und Täler zu Lebewesen wie du und ich. Jeder Stein scheine „vor Leben zu glühen“, schreibt er. „Einige Felsen lehnen sich in majestätischer Ruhe zurück, während andere nahezu senkrecht Tausende Fuß über ihren Kameraden bedächtig in die Höhe wachsen, Stürme und Sonnenschein gleichermaßen willkommen heißen, sich scheinbar all der um sie herum geschehenen Dinge gewahr, und doch durch nichts zu beeindrucken sind.“

Berauschender Ritt auf der Lawine

John Muir geht manches Risiko ein. Nur um den Mond aus einem besonders attraktiven Winkel betrachten zu können, nähert er sich einem mächtigen Wasserfall, der plötzlich seine Richtung ändert und den Mondsüchtigen brutal erfasst. Ein anderes Mal macht sich Muir auf, um den Abgang von Lawinen zu beobachten. Tatsächlich gerät er dann selbst auf den Rücken einer solchen Lawine – und ist begeistert: „Dieser Flug durch, man sollte es wohl am besten als eine Milchstraße voller Schneesterne bezeichnen, war die wohl spirituellste und berauschendste Art der Fortbewegung, die ich jemals kennengelernt habe.“

Aus dem Schwelgen kommt er kaum einmal heraus. John Muirs Summe: „Kein von Menschenhand errichteter Tempel kann sich mit dem Yosemite Valley vergleichen.“

Martin Oehlen

Auf diesem Blog finden sich einige Beiträge über die „Naturkunden“-Reihe bei Matthes & Seitz, die sich leicht über die Suchmaske auffinden lassen. Zuletzt erschien eine Besprechung des Baobab-Bandes – und zwar HIER .

John Muir: „Yosemite“, dt. von Jens Lindenlaub, Matthes & Seitz, 256 Seiten, 25 Euro.

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