
Happy Birthday, verehrtes „Schloss“! Fast hätten wir „altes Haus“ gesagt. Aber das wäre in jeder Hinsicht unpassend. Denn zum einen handelt es sich hier um eine Immobilie im himmelstürmenden Preissegment. Zum anderen und vor allem ist der Roman, der sich hinter diesem Titel auftut, von anhaltender Aktualität. Dabei ist er bereits vor 100 Jahren – genau genommen: Ende November 1926 – im Kurt Wolff Verlag erschienen. Franz Kafka (1883-1924) hatte bis kurz vor seinem Tode daran gearbeitet, aber „Das Schloss“ nicht mehr abschließen können. Zum Jubiläum erscheint der Band in einer kommentierten Ausgabe im Wallstein Verlag. Herausgeber Reiner Stach, der renommierte Kafka-Biograf, hat zuvor schon die Bände zum „Process“ (2024) und den Erzählungen (2025) betreut.
„Wir brauchen keine Gäste“
Was zeichnet „gute“ Literatur aus? Auf jeden Fall die Eigenschaft, selbst im fortgeschrittenen Alter überzeugen zu können. Kafkas „Schloss“ packt auch noch nach einhundert Jahren kräftig zu, wirkt modern, buchstäblich eigen-artig und – um es mal salopp zu formulieren – abgefahren. Die Geschichte des Landvermessers, der kein Landvermesser ist, und dem sich zwei scheinbar vertraute Gehilfen beigesellen, auf die er angeblich gewartet hat, wenngleich sie ihm fremd sind und ihrerseits keine Ahnung von Landvermessung haben – das ist von der ersten Seite an staunenswert.
Der Landvermesser erfährt umgehend, dass er im Dorf nicht willkommen ist. Zwar wird er geduldet, weil man nicht weiß, welche Kompetenzen und Beziehungen er hat. Gleichwohl wird ihm ins Gesicht gesagt: „Gastfreundlichkeit ist bei uns nicht Sitte, wir brauchen keine Gäste.“ Auch der ersehnte Kontakt des Protagonisten zum Schloss, in dem eine Unzahl von wichtigen und weniger wichtigen Amtsträgern tätig ist, findet keine rechte Erfüllung. Schon gar nicht lernt er den Grafen Westwest kennen, der ohne Auftritt bleibt. Der Schlossherr ist die Macht, die durch seine unangreifbare Abwesenheit herrscht.
Dorfroman mit viel Schnee
„Das Schloss“ ist ein Dorfroman mit jeder Menge Schnee. Mutmaßlich erhielt der schwerkranke Kafka den entscheidenden Anstoß zum Roman, als er im Januar 1922 den tief verschneiten Winterkurort Spindelmühle besuchte. Zudem bietet der Text zahlreiche unfrohe Personen, sehr viele Dialoge und eine kaum vorwärtstreibende Handlung. Das klingt wenig verlockend – und ist es doch! Kafkas umfangreichster Roman zählt, so urteilt der Herausgeber, „zu den Gründungsdokumenten der literarischen Moderne“.
Die Versuche, einen Schlüssel zum „Schloss“ zu finden, hat Generationen von Germanisten und Literaturfreunden beschäftigt. Reiner Stach zählt die wichtigsten Zugänge auf. Beginnend mit Kafkas Vertrautem Max Brod, der sich den testamentarischen Anweisungen von 1921/22 widersetzte: Statt sämtliche Manuskripte zu vernichten, wie von Kafka gefordert, sorgte er dafür, dass sie an die Öffentlichkeit gelangten. So erschienen im Verlag „Die Schmiede“ zunächst Erzählungen in dem Band „Der Hungerkünstler“ und der Roman „Der Process“. 1926 folgte dann – nun im Verlag Kurt Wolff – „Das Schloss“, das bei der Erstveröffentlichung mit dem 21. und nicht mit dem 24. Kapitel endete. Erst 1935 machte Brod, schreibt Reiner Stach, „diese Verstümmelung“ rückgängig.
„Abgesperrt von der Wahrheit“
Max Brod also war es, der mit der ersten Deutung des Romans hervortrat. Er lieferte eine allegorisch-theologische Deutung, die auf Gericht und Gnade, Verzweiflung und Erlösung zielte. Siegfried Kracauer fasste den Roman allgemeiner und erkannte darin „die Abgesperrtheit des Menschen von der Wahrheit“. Das klingt und ist mit Blick auf Fakes und Fakten, deren Unterscheidung heute immer komplizierter wird, durchaus aktuell.
Eine weitere Lesart betont eine „jüdische Allegorese, nach welcher der vergebliche Kampf des Landvermessers für die verweigerte Integration der Juden in den westlichen Gesellschaften steht.“ Dieses Dilemma des „Fremden“, meint Reiner Stach, könne auch als „soziale Standardsituation“ gelesen werden, die nahezu überall zu beobachten sei: „im Umgang mit Minderheiten, mit Migranten und nicht zuletzt mit Menschen, die sich überlebten Traditionen bewusst verweigern.“ Auch hier also ist „das Schloss“ ganz und gar nicht aus der Zeit gefallen.
„Das Scheitern ist absehbar“
Schließlich sei noch ein sachdienlicher Hinweis von Albert Camus erwähnt. Nach Ansicht des französischen Nobelpreisträgers könne man Kafkas Werk auch „unter rein ästhetischen Gesichtspunkten“ betrachten – ganz ohne Theologie und Psychologie. Das ist es gewiss: Ein kunstvoll komponiertes Kabinettstück.
Der Anhang zum Wallstein-Band ist ein Vergnügen. Da werden zunächst auf fast 60 Seiten Text-Varianten präsentiert, die Kafka gestrichen hat. Weiter wird in den Anmerkungen nicht nur erläutert, sondern auch interpretiert. Das Scheitern des Helden sei absehbar, meint dort Reiner Stach, da K. offenkundig Unmögliches wolle: „Integration ins Dorf bei gleichzeitiger Wahrung seiner Freiheit.“
Mitten im Satz das Ende
Schließlich ermöglicht das Nachwort manche Einblicke in die Werkstatt des Autors. So hatte Kafka zunächst eine Ich-Perspektive und keine Er-Perspektive vorgesehen. Doch als der Autor im dritten Kapitel „zur Schilderung eines sexuellen Aktes ansetzte“, sei ihm die Ich-Perspektive „unbehaglich“ geworden: „Er hatte das nicht vorgesehen und musste nun, um den Schreibfluss in Gang zu halten, einen unabhängigen Erzähler einführen.“
Mitten im Satz bricht „Das Schloss“ ab. Dort heißt es: „Sie reichte K. die zitternde Hand und liess ihn neben sich niedersetzen, mühselig sprach sie, man hatte Mühe sie zu verstehn, aber was sie sagte “. Ja, was die alte Dame sagte, werden wir nie erfahren. Als sei Franz Kafka der Stift urplötzlich aus der Hand geglitten. Die Aura, die auch dieses Kafka-Werk umgibt, wird durch das Ende, das keines ist, nur weiter aufgeladen.
Martin Oehlen
Auf diesem Blog
haben wir einen sehr schönen Band mit Franz Kafkas Zeichnungen HIER vorgestellt.
Franz Kafka: „Das Schloss“, hrsg. von Reiner Stach, Wallstein Verlag, 570 Seiten, 39 Euro. E-Book: 30,99 Euro.
