
Was für eine Entdeckung! Lange waren die Bücher von Caroline Blackwood in Vergessenheit geraten. Nun hat der Insel Verlag erstmals eine deutsche Übersetzung ihres 1981 erschienenen Romans „Das Schicksal von Mary Rose“ auf den Markt gebracht. Darin erzählt die 1996 verstorbene Autorin die Geschichte einer von emotionalem Machtmissbrauch geprägten Mutter-Tochter-Beziehung.
Alle Masken fallen
Mary Rose ist das Ergebnis eines lieblosen One-Night-Stands. Inzwischen ist sie sieben Jahre alt und lebt mit ihrer Mutter Cressida in einem kleinen Dorf in Kent. Ihr Vater, der ehrgeizige Londoner Historiker Rowan Anderson, besucht Mutter und Kind alle paar Wochen. Die Beziehung des ungleichen Paares ist von einer bemühten Höflichkeit geprägt. Geliebt habe man sich ohnehin nie, schreibt der Ich-Erzähler. „Ich fand die Interessen meiner Frau unfassbar öde. Selbstverständlich war ich viel zu höflich, um das auszusprechen.“
Als ein kleines Mädchen aus der Nachbarschaft verschwindet und bald darauf tot aufgefunden wird, fallen alle Masken. Während die Geschehnisse Rowan weitgehend kalt lassen, gleitet Cressida in eine schwere Psychose ab. In ihrer Fixierung auf das ermordete Nachbarkind schränkt sie die Bewegungsfreiheit ihrer Tochter mehr und mehr ein und impft ihr eine fast pathologische Lebensangst ein. Als Rowan, ein selbstbezogener Narzisst, endlich einschreitet, ist es für Mary Rose bereits zu spät.
Emotionale Vernachlässigung
Caroline Blackwood ist mit diesem Roman ein psychologisch ausgefeilter Krimi über Abhängigkeit, emotionale Vernachlässigung und toxische Beziehung. Auch die Lebensgeschichte der Autorin könnte einen Roman füllen.
Lady Caroline Maureen Hamilton-Temple-Blackwood, 1931 in London geboren, stammte aus einer reichen anglo-irischen Aristokraten- und Unternehmerfamilie. Ihre Mutter war Erbin des Guinness-Brauereikonzerns. Caroline Blackwood rebellierte schon als Jugendliche gegen ihre Herkunft. Mit 22 Jahren heiratete das It-Girl der Londoner Bohème den Maler Lucian Freud, einen Enkel Sigmund Freuds. Fünf Jahre später ließ sich das Paar scheiden. Es folgten zahllose Liebschaften sowie zwei weitere turbulente Ehen. Caroline Blackwood arbeitete als Journalistin und schrieb elf Bücher. 1996 starb sie in New York an den Folgen einer Krebserkrankung.
Petra Pluwatsch
Caroline Blackwood: „Das Schicksal von Mary Rose“, dt. von Claudia Voit, Insel, 284 Seiten, 24 Euro. E-Book: 19,99 Euro.
