
Bilder erzählen Geschichten. Das ist so neu nicht. Aber immer wieder aufs Neue der Rede wert. Nun hat George Lucas, der „Star Wars“-Regisseur und „Indiana Jones“-Produzent, dieser „narrative art“ ein eigenes Museum eingerichtet. Ende September wurde das Gebäude, das der chinesische Architekt Ma Yansong entworfen hat, in Los Angeles eröffnet. Der US-Amerikaner Lucas würdigt darin vor allem jene Illustratoren und Zeichner, die weiblichen wie die männlichen, deren Kunst seiner Ansicht nach viel zu lange ignoriert worden ist. Für seine Filme habe er mit Hunderten von Illustratoren zusammengearbeitet. Doch obwohl sie brillant waren, hätten sie nicht als „ernsthafte“ Künstler gegolten. Das habe ihm missfallen. Also schritt er zur Tat. „Das Lucas Museum of Narrative Art wurde gegründet, um die Geschichten der Menschheit und die Künstler, die sie illustrieren, zu würdigen.“ So sagt er es im Vorwort zu den beiden prächtigen Bänden, mit denen der Taschen Verlag die Eröffnung des Museums feiert.
Kunst des Westens
Beim „Lucas Museum of Narrative Art“ – dies noch einmal zur Klarstellung – geht es nicht um die Erzählkunst in Romanen, sondern um die „erzählende Kunst“ in Comics, Illustrationen, Fotografien und Gemälden. Dabei ist der subjektive Ansatz zu beachten. Was George Lucas aufbietet, entspricht seinen Vorlieben. Es handelt sich eben um die Sammlung des Museums, das seinen Namen trägt. Auch viele Werke aus dem Besitz des Multi-Milliardärs sind dort zu finden. Er selbst versichert, dass er im Laufe der Jahrzehnte 40.000 Werke zusammengetragen habe („ohne jemals auch nur ein einziges davon verkauft zu haben“). Offensichtlich handelt es sich dabei zumeist um populäre Kunst des Westens, zumal der USA.
Es ist also ist eine sehr persönliche Auswahl zu erleben. So tauchen in dem Zweibänder zwischen all den Peanuts und Science-Fiction-Helden, den Kampfszenen und Familienidyllen vereinzelt Werke von Carl Spitzweg und Fernand Léger, Frida Kahlo und Diego Rivera auf. Allerdings wirken sie in diesem Kosmos ein wenig wie Außerirdische – aber wo Außerirdische unterwegs sind, das wissen wir aus dem „Krieg der Sterne“, ist es zuweilen spannend.
„Eine lebendige Welt“
Apropos – die „Star Wars“-Saga von George Lucas wird ebenfalls gewürdigt. Das Lob in eigener Sache beteuert: „George Lucas und seine Mitstreiter entwarfen nicht bloß einen Schauplatz, sondern einen voll bevölkerten Kosmos – mit Planeten, Spezies, Sprachen, Fahrzeugen, Klimazonen, Architekturstilen und Glaubenssystemen. In diesem Sinne vollbrachte der Film das, was das Kino in seinen ehrgeizigsten Momenten leistet: Er verwandelte eine Erzählung von einer bloßen Abfolge von Ereignissen in eine lebendige Welt.“
Dass bei aller Faszination für die vorbildlich reproduzierten Bilder der kritische Blick eingeschaltet bleiben muss, versteht sich von selbst. Darauf macht auch Kurator Ryan Linkof aufmerksam. So wolle das Museum untersuchen, wie Bilder die Gesellschaft prägen – „auf positive wie negative Weise“. Das gilt nicht zuletzt für all die blauäugigen Familienaufstellungen. Da gibt es Szenen wie diese, die einmal schwer in Mode waren: Während die Männer angespannt beim Bier einer Sportübertragung im Radio lauschen, schafft die Dame des Hauses im Hintergrund milde lächelnd einen Imbiss heran.



„Man konnte in den Bildern leben“
„Natürlich haben die Massenmedien eine maßgebliche Rolle bei der Konstruktion eines idealisierten Bildes des häuslichen Lebens gespielt“, lesen wir im weiteren Verlauf der Bände, die Jessica Hundley herausgegeben hat. In den Illustrierten seien klar definierte Geschlechterrollen hervorgehoben worden. „Diese Darstellungen stießen beim Publikum der Mitte des 20. Jahrhunderts auf große Resonanz und vermittelten ein Gefühl der Sicherheit in Zeiten raschen gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Wandels.“
Es sind zwei famose Bilderbücher. Sie lösen ein herrliches Rauschen und Flirren aus. Dazu können wir den Filmregisseur Guillermo del Toro zitieren. In seinem Grußwort erinnert er sich an frühe Comic-Erfahrungen: „Die Bilder waren dramatisch, und anders als beim Film bestimmte man selbst einen Teil des Erzählrhythmus. Man konnte ein einzelnes Bild so lange betrachten, wie man wollte. Man konnte in ihnen leben.“ Denselben Reiz verströmen die meisten Bilder in diesen Bänden – sie laden ein, sich dazu die Geschichten vorzustellen, zudem die Bilder davor und die Bilder danach.
„May the Force be with you!“
Sollte das Lucas-Museum nur annähernd so unterhaltsam sein wie dieser Konfettiregen aus eingängigen Bildern, dann wäre ein Besuch in Kalifornien die pure Verlockung. Schlägt man die Bände zu, ist es wie nach einem intensiven Kinofilm: Die Zeit ist im Flug vergangen! Wenn das Licht angeht, steht man noch mit einem Bein in der Fiktion, während man mit dem anderen bemüht ist, den Weg zurück in die Realität zu finden.
Einen Hinweis müssen wir noch loswerden: Das Taschen-Werk erscheint in englischsprachiger Ausgabe. In diesem Sinne wünschen wir: „May the Force be with you!“
Martin Oehlen
Das Lucas Museum of Narrative Art
befindet sich im Süden von Los Angeles, One Lucas Plaza, 3800 S Vermont Ave. Geöffnet täglich außer Dienstag. Eintritt: 25 US-Dollar.
Jessica Hundley (Hg.): „Lucas Museum of Narrative Art“, Taschen Verlag, zwei Bände im Schuber, 832 Seiten, 175 Euro.
