
Eine Binse zum Start: Was heute antiquiert wirken mag, war früher womöglich ein Knaller. So sind Heldenepen in Versform aktuell auf keiner Bestsellerliste zu finden. Doch als Christoph Martin Wieland (1733-1813) seinen „Oberon“ im Jahre 1780 veröffentlichte, war die gelehrte Welt entzückt. Nun erscheint dieses Hauptwerk in einer kritischen Ausgabe, also mit allerlei philologischem Drum und Dran, im Rahmen der seit 2022 wachsenden „Wieland-Studienausgabe in Einzelbänden“.
„Gründungsdokument der Weimarer Klassik“
Zur besseren Einordnung des „Oberon“ müssen wir die literarische Uhr um rund 250 Jahre zurückdrehen. Das besorgen die Herausgeber Peter-Henning Haischer und Hans-Peter Nowitzki im Nachwort auf formal entspannte und inhaltlich erhellende Weise. Wielands „romantisches Heldengedicht in zwölf Gesängen“, schreiben sie, „ist avantgardistische Literatur“. Der Autor verdichte darin literarische Traditionen und eigene ästhetische Überlegungen zu einem „Glanzpunkt“, der weit in die Zukunft strahlen sollte. Ja, hier handele es sich um ein „Gründungsdokument der literarischen Strömung, die bald, als Weimarer Klassik apostrophiert, Weltruhm erlangen wird.“
Wieland selbst war sich früh bewusst, dass er etwas Großes anrührte. Doch befürchtete er, dass die ihm bekannten „Kunstrichter“ damit nicht so viel würden anfangen können. Darum führte er in einer Vorbemerkung „An den Leser“ aus, was den „Oberon“ aus seiner Sicht so bemerkenswert machte. Zum einen sei es „die eigenthümlichste Schönheit des Plans und der Komposizion dieses Gedichts“, zum anderen „das Verdienst“, aus mehr oder minder bekannten Erzählsträngen eine „Neuheit“ geschaffen zu haben. Tatsächlich wurde der „Oberon“ der größte Erfolg des Autors. Schon zu Lebzeiten gab es viel Zuspruch. Goethe gar übersandte ihm einen Lorbeerkranz. Das hatte wohl selbst Wieland nicht zu hoffen gewagt.
Verliebter Ritter muss kämpfen
Der Autor bedient sich eines bewährten Stoffes aus dem französischen Mittelalter, den William Shakespeare schon 200 Jahre vor Wieland in „A Midsummer Night’s Dream“ („Ein Sommernachtstraum“) bearbeitet hatte. Den Hintergrund der Geschichte liefern der Elfenkönig Oberon und die Elfenkönigin Titania, die darüber streiten, wie es um Liebe und Treue unter den ach-so-schwachen Menschen bestellt sei.
Für den Praxistest wählen sie den naiven Ritter Hüon (20) und die bezaubernde Kalifentochter Rezia (16), die „aus Rosengluth und Lilienschnee gewoben“ scheint. Die beiden verlieben sich, man glaubt es kaum, zunächst im Traum, ohne je einander gesehen zu haben. Als sie sich dann in Arabien leibhaftig begegnen, schlägt der Blitz noch einmal so richtig ein. Gleichwohl wird ihr gemeinsames Band ein ums andere Mal einer Zerrreißprobe ausgesetzt: Lust und Frust zuhauf. Zwischendurch hat Hüon auch noch einen Auftrag zu erledigen: Für Karl den Großen soll er – unter anderem – die Backenzähne des Kalifen von Bagdad besorgen. Er muss sich bewähren. Und er teilt brutal aus. Da „fliegt hier ein Kopf und dort ein Arm“, und einem Dritten quillt „ein blutiger Strom aus Mund und Nase“. Hüon überlebt selbstredend alle Kämpfe, denn sonst wäre er kein Held. Und was ist mit dem Treue-Test? Achtung, Spoiler! Am Ende, nach Prüfung und Bewährung, nach Phantastischem und Abenteuerlichem in Fülle, wird alles gut.
„Pantoffel“ trifft „Christoffel“
Das Versepos galt zu Wielands Zeiten als literarische „Königsdiziplin“. Dieses Genre, erfahren wir, habe der Autor „revolutioniert“. Statt auf einen hohen Ton und schwerfällige Langverse setzte er auf „leichtfüßigen Lektürespaß“. Wielands Position in den Worten der Herausgeber: „Dichtung ist Kommunikation auf Augenhöhe; es ist nicht die Aufgabe des Lesers, irgendwelche Rätsel zu entwirren, die ihm ein orakelnder Dichter von der Warte einer scheinbar erhöhten Seherposition aus aufgibt.“ Diese Poetik ist ganz und gar nicht von gestern, sondern auf der Höhe unserer Zeit.
Den richtigen Drive erhalten Wielands Verse dadurch, dass er sich einer freien, an die italienischen Stanzen angelehnten Versform bedient. Da reimt er auch mal „den Pantoffel“ mit dem „Sankt Christoffel“. Und am Witz hat er sein Vergnügen: „Sie disputierten oft bey einer Flasche Wein; / Doch, wenn das letzte Glas zu Kopf zu gehen begonnte, / So mischten sie so viel Latein darein / Daß unser einer kaum ein Wort verstehen konnte.“
Tatsächlich ist der Text häufig amüsant und meistens munter bewegt, aber gelegentlich auch beschaulich. Es ist gewiss – was denn sonst – ein Werk seiner Zeit. Heutzutage würde keine Autorin und kein Autor mit den antiislamischen Passagen, die dem „Oberon“ eigen sind, einen Buchvertrag in einem seriösen Verlag bekommen. „Der Wieland-Leser mag zuweilen mit dem Inhalt fremdeln“, heißt es im Nachwort, doch „der dichterischen Magie kann er sich kaum entziehen.“ Wohl wahr, nein, sehr wahr.
Martin Oehlen
Auf diesem Blog
haben wir schon einige Beiträge zu Christoph Martin Wieland veröffentlicht. Zuletzt ging es um die Romane „Geschichte Abderiten“ (HIER) und „Geschichte des Agathon“ (HIER), die ebenfalls im Rahmen der „Wieland-Studienausgabe in Einzelbänden“ erschienen sind. Zuvor haben wir Jan Philipp Reemtsmas Wieland-Biografie (HIER) vorgestellt und eine Wieland-Ausstellung in Weimar (HIER) gewürdigt.
Christoph Martin Wieland: „Oberon – Ein romantisches Heldengedicht in zwölf Gesängen“, hrsg. von Peter-Henning Haischer und Hans-Peter Nowitzki, Wallstein, 446 Seiten, 42 Euro.
