Kein Wetter für Das aktuelle Hochdruckgebiet hätte Arno Schmidt (1914-1979) ganz und gar nicht behagt. Der Schriftsteller, berühmt für seine genialischen Werke und berüchtigt für seine Übellaunigkeit, zog ein gepflegtes Tief auf der Barometer-Anzeige vor. Nur dann ließ er sich auf komplexe Anforderungen in seinem Schreiballtag ein. So steht es geschrieben in dem Band mit Tagesnotizen, den wir auf diesem Blog schon ausführlich HIER gewürdigt haben.
Wasserzufuhr gesichert
Nun stellten der Publizist und Mäzen Jan Philipp Reemtsma, Vorstand der Arno-Schmidt-Stiftung, und Susanne Fischer, Geschäftsführerin der Stiftung, den Band im Kölner Literaturhaus vor. Die Veranstaltung war ausverkauft – und nur wenige ließen ihre Karten wegen der Hitze verfallen. Für Wasserzufuhr und zu Fächern modifizierten Programm-Flyern hatte das Team um Literaturhaus-Leiterin Bettina Fischer gesorgt. Also – auf geht’s!
Geboten wurde eine sorgsam gebaute und souverän umgesetzte Präsentation der Schmidt‘schen Tagesnotizen. Gelegentlich gar gab es Anleihen beim Dramolett, was der Kauzigkeit des Schriftstellers zuzuschreiben ist. Die größte Überraschung bei alledem war die Güteklasse, die Jan Philipp Reemtsma beim Vortrag an den Tag legte.
Ihm war es überlassen, die Mehrzahl der Originaltexte zu präsentieren. Das tat er durchaus lustvoll. Er modulierte und rhythmisierte die Texte auf eine Weise, die von einem tiefen Verständnis für die Seelenzustände und Gedankengänge des Arno Schmidt kündete. Wie Jan Philipp Reemtsma überdies einen vorzeitig den Saal verlassenden Besucher musterte und das Piepen eines elektronischen Geräts genervt registrierte, hätte Arno Schmidt selbst vermutlich kaum strenger hinbekommen.
Einblick in die Werkstatt
Susanne Fischer ihrerseits sorgte für all jene Erläuterungen, nach denen man sich sehnte. Die Herausgeberin gewährte auch einen kleinen Einblick in ihre Editionsarbeit. Denn so manches bedarf der Erläuterung, was Arno Schmidt in seiner entschieden knappen Form vom Tagein-und-Tagaus fixiert hatte. Weil man nun schon einmal in Köln war, hob Susanne Fischer hervor, dass die Schmidts einst aus Süddeutschland nach Darmstadt gezogen waren, weil der Autor im Verdacht der Gotteslästerung und Pornographie stand. Veranlasst hatte die einschlägige Ermittlung – „was erst sehr viel später herauskam“ – das Erzbistum Köln.
Die meisten Zweifelsfälle in den Tagebüchern – wer war das, wo war das, was bedeutet das? – konnte Susanne Fischer klären. Doch dann und wann, sagte sie, müssten bei der Recherche Aufwand und Ertrag abgewogen werden: „Man muss auch wissen, wann man verloren hat.“ In solchen Fällen heißt es im Kommentar: „nicht ermittelt“.
Susanne Fischer und Jan Philipp Reemtsma rückten nicht einmal von ihrem Manuskript ab. Zwischenfragen oder Nachfragen waren auch nicht vorgesehen. Gleichwohl sorgte das gemischte Doppel für einen kurzweiligen Abend im Literaturhaus. Mit reichlich Erkenntnis und noch mehr Unterhaltung. Dieses Hoch hätte selbst Arno Schmidt gefallen.
Martin Oehlen
Auf diesem Blog
haben wir die „Tagebücher der Jahre 1957-62“, hrsg. von Susanne Fischer und erschienen im Suhrkamp-Verlag, HIER vorgestellt.
