
Herr Schami, Sie haben angekündigt, mit ihrem neuen Roman „Das Mosaik der Frauen“ nicht auf Lesereise zu gehen. Das ist überraschend, denn ihre Buchvorstellungen sind eine Kunst für sich, da Sie nicht aus den Werken lesen, sondern diese auf der Bühne gleichsam nacherzählen. Wie kam es zu der Entscheidung, von dieser Tradition zu lassen?
Rafik Schami: Ich habe in meinem „Abschiedsbrief“ geschrieben, dass ich langsam den weisen Ratschlag verstanden habe: Man soll da aufhören, wo es am schönsten ist. Das galt für all meine Erzählabende. Das gilt auch fürs Leben, wenn man es in der Hand hat. Die Entscheidung ist mir wirklich sehr schwergefallen, weil ich die Begegnung mit dem Publikum so genossen habe. Lange kämpfte ich mit mir nach der Beendigung der letzten Reise mit dem Roman „Wenn du erzählst, erblüht die Wüste“, und als ich die Entscheidung getroffen hatte, teilte ich diese erst meiner Frau Root und meinem Sohn Emil und danach dem Verlag mit.
„Der Pfarrer war nicht da“
Wo fand denn im Jahr 1982 die erste von insgesamt 2820 Lesungen statt?
Rafik Schami: In einem miserablen Jugendzentrum in Heidelberg. Es war kaum besucht. Das war aber am Anfang fast die Regel. Ohne Plakate, ohne Ankündigung. Es war einmal so miserabel, dass der Pfarrer, der mich eingeladen hatte, den Termin vergessen hat: Ich fuhr voller Hoffnung mit meinem rostigen VW-Käfer hin, und der Pfarrer war nicht da. Seine Haushälterin war zuerst misstrauisch, dann ging sie zum Spielplatz und holte etwa zehn verschwitzte Kinder in die Kirche. Ich habe das Programm umgestellt und erzählte ihnen Kindergeschichten, aber sie hörten nicht zu und fragten zwischendurch, ob die Geschichten zu Ende seien. Nach zwei Kurzgeschichten entließ ich sie in die Freiheit und sie stürmten hinaus.
Wann haben Sie gemerkt, dass die Strapazen solcher Tourneen die Freuden nicht mehr aufwiegen?
Rafik Schami: Strapazen gab es immer, und Zweifel hatte ich kurz nach jeder Ankunft. Ich saß manchmal im Hotel und war so müde nach drei Stunden Stau oder dem Ausfall eines Zuges. Doch zehn Minuten nach Beginn der Veranstaltung spürte ich auf der Bühne den Zauber des Zuhörens, der das Publikum in meine Geschichte hineingetragen hat und mir die Kraft gab.
„In Said stecken 80 Prozent meiner Biografie“
Sie weisen in Ihrem „Dank“ am Ende des neuen Romans darauf hin, dass Ihnen die Begegnung mit so vielen Menschen reichlich Stoff für Geschichten geliefert habe. Wie wichtig war diese Quelle, diese Inspiration für Sie?
Rafik Schami: Ich habe mir viele Geschichten angehört. Viele von ihnen sind vielleicht spannend für Freunde und Verwandte der erzählenden Person, aber für fremde Leser:innen langweilig. Ich bin aber ein geübter Zuhörer und habe auf all meinen Reisen ein Arbeitsjournal dabei. Es sind Hefte, in die ich meine Eindrücke, Gedanken, besonders schöne Formulierungen, Anekdoten oder Erlebnisse notiere. Ich nenne das: Kerne für Geschichten.
Manche Geschichten verblassen mit der Zeit und verlieren ihre Erzählkraft, ihre Kerne sind tot. Manche andere werden eher aktueller und melden sich mit kräftiger Stimme, und dann züchte ich sie zu einer Kunst. Sobald ich eine Geschichte bearbeitet habe, streiche ich ihre Quelle in meinem Arbeitsjournal durch.
Im Roman „Das Mosaik der Frauen“ sind viele dieser Geschichtskerne. So arbeitete ich selbst als Simultandolmetscher und verdiente damit viel Geld, mit dem ich mein Studium finanziert habe. Bei dieser Arbeit kam ich manchmal mit arabischen Händlern oder mit großzügigen wie arroganten Patienten zusammen. Die Geschichte vom arabischen Händler und der Frau des libyschen Ministerpräsidenten habe ich 1 zu 1 so erlebt. In der Romanfigur Said stecken 80 Prozent meiner eigenen Biografie.
Ansonsten speisen sich Ihre Romane aus dem riesigen Fundus der Erinnerung, diesen „undurchdringlichen Dschungel“, wie es im Roman heißt.
Rafik Schami: Eine kleine Ergänzung, wenn Sie erlauben: Neben der Erinnerung ist die Recherche in meiner großen arabischen Bibliothek wichtig, die ich jahrzehntlang aufgebaut habe, da ich nicht mehr in meine Heimat zurückgehen konnte. Es waren Bücher über Sitten und Gebräuche, Rituale der Trauer und der Hochzeiten, Abenteuermemoiren von Dieben, Helden und Journalisten. Ich forschte in Nachschlagwerken, um alles genau zu formulieren. Das verdanke ich meinem Chemie-Studium: Wenn man vor dem Kochen gut recherchiert, lebt man länger. Es gab damals kein Internet und deshalb waren Bücher eine absolute Notwendigkeit.
„Leider ist meine Rückkehr unmöglich“
Wie groß ist die Sehnsucht nach Damaskus, das Sie 1970 verlassen haben? Wie steht es um die Abnabelung?
Rafik Schami: Meine Sehnsucht ist nach wie vor sehr groß. Ich telefoniere zwei- bis dreimal wöchentlich mit meinen Geschwistern. Von Abnabelung kann keine Rede sein. Wer länger als sieben Jahre in einer Stadt wie Damaskus wohnt, wird von ihr bewohnt. Aber leider ist meine Rückkehr unmöglich.
In „Das Mosaik der Frauen“ wird eine Erfahrung des Exils beschrieben: „Man sieht sich umzingelt von Mauern und ist wie gelähmt.“ Sie kamen 1971 nach Deutschland. Wie lange hat es bei Ihnen gedauert, bis Sie sich hier nicht mehr als Exilant empfanden.
Rafik Schami: Höchstens zwei Jahre. Mir half die akademische Laufbahn als Chemie-Doktorand und auch, dass ich als Erzähler in Heidelberg schnell akzeptiert wurde.
Ihr Roman schildert in vielen Facetten die Diktatur in Syrien in den vergangenen Jahrzehnten. Wie steht es aktuell um Syrien? Ist das Land heute besser dran als zu Assads Zeiten?
Rafik Schami: Zum einen ist ein über 50 Jahre blutig herrschender Clan endgültig gestürzt. Seinem Charakter entsprechend floh Bashar al-Assad feige nach Moskau und nahm hunderte Millionen geraubte Dollars mit. Zum anderen führen seine Anhänger weiterhin einen Terror mit Anschlägen und Sabotagen durch. Die neue Regierung ist zwar moderat, aber sehr islamistisch geprägt.
„Fleiß, Geduld und Humor“
Mit 80 Jahren weiß man, wie der Hase läuft. Welchen Tipp würden Sie einem jungen Autor oder einer jungen Autorin geben, wie man im Literaturbetrieb bestehen kann?
Rafik Schami: In meinem Buch „Ich wollte nur Geschichten erzählen“ habe ich 25 Ratschläge für junge Autor: innen veröffentlicht. Deshalb hier nur ganz kurz: An erster Stelle: Fleiß, Geduld und Humor. Auch muss man kritisch gegenüber seinem Text sein. Unbedingt vertrauenswerten Freund:innen Leseproben geben und genau zuhören, was sie sagen. Wenn das erste Werk erscheint, selbstständig nach Möglichkeiten suchen, dem Publikum das Buch bekannt zu machen. Hier muss man sehr gut vorbereitet sein und großen Respekt auch für das kleinste Publikum haben. Man muss immer daran denken, dass die wenigen Zuhörer:innen nichts dafür können, dass die anderen nicht gekommen sind.
Viel ist von der Künstlichen Intelligenz die Rede. Sehen Sie die KI als Chance oder Tod des Erzählens wie wir es kennen?
Rafik Schami: Erst einmal meine allgemeine Beobachtung. Die Moderne hat die Qualität des Lebens nicht verbessert, sondern verschlimmert. Als ich in das pfälzische Dorf zog, in dem ich bis heute lebe, gab es da einen Arzt, einen Blumenladen, eine bekannte Bäckerei, einen Lebensmittelladen, eine hervorragende Metzgerei, einen Gemüseladen, ein Restaurant und ein Café. Heute haben die über 1800 Einwohner nichts mehr davon, es gibt nicht einmal einen Glascontainer.
Die KI macht vielleicht ein paar wenige Leute zu mehrfachen Milliardären. Sie kann allmählich alles außer Kinder zeugen. Aber hat irgendeiner der Begeisterten nachgedacht, was aus den Millionen Menschen wird, die arbeitslos werden, weil immer mehr technische Erfindungen sie brotlos machen? Für die Schriftstellerei ist KI schädlich. Allein das Gefühl, dass hier kein Mensch erzählt, sondern eine Maschine, tötet bei mir jede Lust, weiter zu lesen.
„Dann reicht es“
Sie selbst schreiben im Rückblick auf Ihr Leben: „Ich habe Glück gehabt.“ Heißt das auch, dass Sie ein glücklicher Mensch sind?
Rafik Schami: Glück habe ich vor allem darin gehabt, meinen Traum realisiert zu haben. Mein Leben als Schriftsteller genieße ich täglich. Privat bin ich mit meiner Root und meinem Emil sehr glücklich. Aber die Welt macht mich manchmal traurig und nicht selten wütend angesichts von so viel Zerstörung, Gier und Verbrechen – als würde man die Millionen und Milliarden ins Jenseits mitnehmen können.
Sie haben beschlossen, so sagen Sie es in Ihrer Erklärung „Zum Abschied“, „nicht weiter erzählend die Erde zu umrunden, sondern mich in die Stille zurückzuziehen.“ Das heißt aber nicht, dass Sie vom Schreiben lassen wollen?
Rafik Schami: Nein. Ich werde noch ein kleines Büchlein veröffentlichen über meine Entscheidung, mit den Tourneen aufzuhören. Ich werde darüber schreiben, wie sehr ich das mündliche Erzählen vermisse, aber auch, wie notwendig die Entscheidung war. Das letzte Buch wird aber ein Roman sein, und es erscheint, wenn ich Glück habe, in zwei, drei Jahren. Dann reicht es.
Die Fragen stellte Martin Oehlen
Auf diesem Blog
haben wir schon einige Male über Rafik Schami berichtet. Zu dem Roman „Wenn du erzählst, erblüht die Wüste“ findet sich eine Besprechung genau HIER.
Zur Person
Rafik Schami wurde am 23. Juni1946 in Damaskus geboren – heute vor 80 Jahren. 1970 floh er vor der Zensur in Syrien, ließ sich 1971 in Deutschland nieder und wurde in Heidelberg im Fach Chemie promoviert. Rafik Schami ist Autor zahlreicher Kurzgeschichten und Romane. Sein Werk liegt in über 30 Sprachen vor. Soeben ist sein Roman „Das Mosaik der Frauen“ im Hanser Verlag erschienen.
Rafik Schami: „Das Mosaik der Frauen“, Hanser, 304 Seiten, 25 Euro. E-Book: 18,99 Euro.
