
Am Anfang schreibt Regina Schilling einen Brief: „Liebe Sandra! Wir haben schon so oft über Ingeborg Bachmann gesprochen. Ich weiß, Ihre Bücher sind für Dich genauso wichtig wie für mich. Jetzt mache ich endlich einen Film über sie, und Du musst dabei sein. Bitte, sag‘ Ja.“ Und Sandra Hüller – sie sagt Ja.
So machen sie sich auf, die Filmemacherin („Titos Brille“, „Kulenkampffs Schuhe“) und die Schauspielerin („Toni Erdmann“, „Anatomie eines Falles“), um eine Autorin ins Licht zu rücken, die anlässlich ihres 100. Geburtstags vielfach gewürdigt wird. In diesem Jubiläums-Reigen aus Feuilleton-Beiträgen, Biografien und Erinnerungen leuchtet „Ingeborg Bachmann – Jemand, der einmal ich war“ auf besondere Weise hervor. Besonders originell, besonders reich, besonders intensiv.
Geisterbeschwörung in Rom
„Wir stellen uns einen Tag in ihrem Leben vor, in ihren letzten Jahren in Rom“, heißt es zu Beginn. Zu dem Zeitpunkt war Ingeborg Bachmann (1926-1973) „alkohol- und tablettenabhängig, allein und zurückgezogen.“ Eine Wohnung in Rom, wenngleich nicht die originale im Palazzo Sacchetti in der Via Giulia, dient als zentraler Spielort. Das Interieur wurde anhand der Quellen rekonstruiert. Hier findet die „Geisterbeschwörung“ statt – „unsere Séance“. Dazu passt bestens die hypnotisch-geisterhafte Originalmusik der österreichischen Musikerin Anja Plaschg.
In der Via Giulia, wo Ingeborg Bachmann zuletzt an ihrem Romanprojekt „Todesarten“ gearbeitet hat, zog sie sich in der Nacht vom 25. auf den 26. September 1973 schwere Verbrennungen zu. Sie wurde ins Krankenhaus Sant’Eugenio eingeliefert, wo man von ihrer Tabletten-Abhängigkeit zunächst nichts wusste. Am 17. Oktober 1973 ist sie gestorben. Zuletzt hat Fleur Jaeggi dazu einige Erinnerungen beigesteuert, die wir auf unserem Blog HIER vorgestellt haben. Dieser Tod freilich ist nicht Thema des Films.
„Okay, let’s go!“
Zwischen den Archivfundstücken schlüpft Sandra Hüller in die Rolle der Ingeborg Bachmann. Man sieht sie rauchend, schreibend, trinkend, nachdenkend, Tabletten aus der Blisterpackung drückend, Blumen gießend. Auch Zeitbrüche sind möglich – ihre Bachmann greift hier zum Handy, dort rollt sie auf einem E-Scooter heran. Ein furioses Solo tanzt sie am Tiber: „Exsultate, Jubilate“. Ab und an gibt es den Bild-Abgleich mit der Dargestellten. Sandra Hüller und Ingeborg Bachmann mit der Hand an der Stirn. Oder an der Schreibmaschine – wobei die Schriftstellerin schneller in die Tasten haut als die Schauspielerin.
Im historischen Bildmaterial wirkt die Bachmann oft scheu und tastend, während sie in Sandra Hüllers Darstellung ein wenig fester auf dem schwankenden Boden ihrer Existenz zu stehen scheint. Welches Bild also sollen wir uns von ihr machen? Der Film, der die Dreharbeiten dezent integriert, macht dies selbst zum Thema. So geht es in einer Sequenz darum, ein Bachmann-Zitat weniger traurig vorzutragen, sondern selbstbewusster. Sandra Hüller lässt sich nicht zweimal bitten. „Okay, let’s go!“, sagt sie. Tatsächlich steht der Bachmann die offensivere Variante gut: „Ich existiere nur, wenn ich schreibe. Ich bin nicht, wenn ich nicht schreibe. Ich bin mir vollkommen fremd, aus mir herausgefallen, wenn ich nicht schreibe.“

Telefongeklingel und Starenschwärme
Die Montage bringt Musik, Text und Bild in jedem Moment zur Deckung. Zumal die Spielszenen und Archivaufnahmen korrespondieren famos: Die Bombenangst während des Zweitens Weltkriegs, von der eben noch im Kriegstagebuch aus dem Jahr 1945 die Rede war, bricht auf und eskaliert im Sirenengeheul der Polizeifahrzeuge unten in den Straßen Roms.
Gleich zwei Leitmotive zeigen Wirkung. Optisch sind es die wundersam auseinanderdriftenden und sich wiederfindenden Starenschwärme über Rom. Akustisch ist es das schnarrende Telefongeklingel, das Sandra Hüllers Ingeborg Bachmann cool as cool can ignoriert. Ein ums andere Mal. Erst kurz vor Schluss geht sie an den Apparat: „Pronto?“ Nein, sie könne den Termin nicht wahrnehmen, habe sich den Magen verdorben, ja, man müsse verschieben. Dann streng: „Nein“. Eine Frau, die auf Abstand hält.
„Die Männer sind unheilbar krank“
Neue Stimmen werden für dieses Lebensmosaik nicht bemüht. Keine kundigen Köpfe aus Wissenschaft oder Literaturkritik unserer Tage, aus Freundes- oder Fankreisen werden bemüht. Was gesagt wird, wurde gesagt, als die Bachmann noch lebte. Einmal versichert sie in einem Fernseh-Interview, das sich um den Roman „Malina“ dreht: „Die Männer sind unheilbar krank.“ Den irritiert nachfragenden Journalisten lacht sie beinahe aus: „Wissen Sie das nicht? Alle.“
Auf jeden Fall ist, was die Männer in diesem Film zu bieten haben, häufig gestrig, garstig, grausig. Patriarchalische Selbstherrlichkeit der alten Schule. Während sich Walter Jens als Hoher Priester der Literaturkritik geriert, erklärt Marcel Reich-Ranicki, warum so wenige Frauen Literatur veröffentlichen: „Offenbar gibt es gewisse Berufe, gewisse Formen der Äußerung, die den Frauen eben schwieriger fallen. Und in der Literatur, in der deutschen Literatur fällt es besonders auf, dass die Zahl der Frauen gering ist.“ Da seien seit Annette von Droste-Hülshoff nur zwölf, dreizehn Namen zu nennen. Immerhin zählt er auch Ingeborg Bachmann dazu. Dann noch sein letztes Wort: „Das ist nun mal so, dass die Frauen offenbar zu anderen Funktionen im Leben vor allem bestimmt sind.“
„Wir wissen es doch“
Selbstverständlich werden auch die schwierigen Beziehungen zu Paul Celan, Hans Werner Henze und Max Frisch angesprochen. An Paul Celan schreibt Ingeborg Bachmann, als sie mit Max Frisch zusammen ist, worin sie das zentrale Beziehungsproblem sieht: „Wir wissen es doch: Dass es für uns fast unmöglich ist, mit einem anderen Menschen zu leben.“
Vielleicht ist es die größte Stärke von Regina Schillings Dokumentarfilm, dass er viel mehr zeigt als behauptet. Das Publikum wird nicht mit finalen Einsichten abgefertigt, mit Schubladen. Stattdessen bleiben wir aufgefordert, uns einen eigenen Reim zu machen. Einen Reim auf eine große Künstlerin. Einen Reim auf Ingeborg Bachmanns Leben, das so faszinierend ist wie die Himmelsbilder der Starenschwärme über Rom.
Martin Oehlen
Auf diesem Blog
sind wir schon häufig auf Ingeborg Bachmann eingegangen – unter anderem auf die Briefwechsel mit Böll, Frisch, Enzensberger, auf die Biografie von Ina Hartwig, auf die Erinnerungen ihres Bruders und eine Wiener Austellung. Das lässt sich alles sehr leicht über die Suchmaske finden. Zuletzt ging es um Fleur Jaeggis Erinnerungen – und zwar HIER: „Die letzten Tage von Ingeborg“.
Der Dokumentarfilm
„Ingeborg Bachmann – Jemand, der einmal ich war“ von Regina Schilling (Buch und Regie) hat an diesem Donnerstag, also am 25. Juni 2026, seinen Kinostart. Mit Sandra Hüller als Ingeborg Bachmann. Kamera: Johann Feindt, Schnitt: Carina Mergens, Musik: Anja Plaschg | Soap&Skin, Produktion: zero one film, Navigator Film, Verleih: Weltkino. Dauer: 98 Minuten.
