
Was für ein Jahr für Shida Bazyar! Die Schriftstellerin hat mit ihrem Roman „Die Lücken“ erst den Wilhelm-Raabe-Literaturpreis und den Bayerischen Buchpreis gewonnen – und dann gab es noch den Deutschen Buchpreis obendrauf. Schon ihre vorangegangenen Bücher, die ebenfalls bei Kiepenheuer & Witsch erschienen sind, haben Lob und Auszeichnungen erfahren. Zunächst „Nachts ist es leise in Theran“ (2016) und dann die „Drei Kameradinnen“ (2021), deren Verfilmung soeben in den Kinos angelaufen ist. Nun stellte die Autorin ihr jüngstes Werk in der Lutherkirche in der Kölner Südstadt vor.
„Juden im Gaumusterdorf“
Sie tat dies auf Einladung des Literaturhaus Köln und im Gespräch mit der sehr mitteilsamen Karosh Taha, deren jüngster Roman „Gulistan“ (DuMont) auf der Longlist zum diesjährigen Deutschen Buchpreis stand. Nicht nur dieser literarische Qualitätsnachweis verbindet die Autorinnen. Auch gibt es biographische Parallelen. So fanden beider Eltern Zuflucht in Deutschland – vor der Verfolgung der Opposition im Iran und vor der Verfolgung der kurdischen Minderheit im Irak. In was für ein Land sind sie da gekommen?
Vieles habe sie über die Geschichte der NS-Zeit gewusst, sagt Shida Bazyar, die 1988 als Tochter iranischer Eltern in Hermeskeil geboren wurde. Aber sie habe wenig verstanden. Das änderte sich, als sie in die Lokalgeschichte eingetaucht ist. Heinz Ganz-Ohligs Buch „Juden im Gaumusterdorf – Auf den Spuren ehemaliger jüdischer Nachbarn in Hermeskeil“ habe sie bewogen, diesen Roman zu schreiben. Da nämlich traten ihr die handelnden Personen vor Augen und entdeckte sie, dass es sich um „ganz normale Leute“ gehandelt hat. Sie stieß auf die Namen und Lebensläufe von Tätern und Opfern. Und sie entdeckte die „Lücken“, die der Massenmord an Jüdinnen und Juden gerissen hat.
Die Schuld und der Schmerz
„Die Frage aller Fragen“ habe auch sie umgetrieben: „Wie ging das? Wie war das alles möglich?“ So habe sie sich an den Roman gemacht, in dem aus dem realen Hermeskeil das fiktive Heimesbach wurde. Intuitiv habe sie ihre Figuren zu schützen versucht. Aber weil es ihr darum gegangen sei, Menschen vorzustellen, die tatsächlich glaubten, dass die NS-Ideologie der richtige Weg sei, habe sie sich gegen dieses Schutzbedürfnis wehren, gleichsam „kontra-intuitiv“ schreiben müssen. Zu Wort kommen zudem die Familien derer, die nach Deutschland geflohen sind. Auch hier ein Schweigen. Aber das Motiv dafür sei nicht Schuld oder Scham, sondern Schmerz. Es sei der Versuch, das Böse, das man vor der Flucht ins Asyl erlitten habe, nicht aufbrechen zu lassen.
Der Roman sei „ein Puzzlespiel mit vielen Figuren“, sagt Shida Bazyar, „ein Gruselkabinett deutscher Identitäten“, setzt Karosh Taha hinzu. Dieses Erzählmosaik zieht eine Linie von der NS-Zeit über das Verschweigen in der Nachkriegszeit und den Rassismus und Antisemitismus in der Gegenwart. Das hätte, meint Shida Bazyar, schon früher passieren müssen. Dann hätten Geflüchtete womöglich eine Lobby in Deutschland. Aber so kommt sie zu dem Schluss: „Wir haben den Kampf schon verloren.“
„Wir haben schon einiges geschafft“
Einmal erwähnt Shida Bazyar die intensive Erinnerungsarbeit, die in Deutschland betrieben werde. Allerdings frage sie sich, wie tief diese reiche. Im Roman gebe es die Geschichtslehrerin Petra, die sich mit der NS-Zeit befasse, aber nicht bis zu dem Punkt gehe, wo es wirklich wehtue. Damit meint die Autorin die Klärung, wie es um die Schuld in der eigenen Familie stehe. Ja, dieser Aspekt beschäftige sie auch bei manchen Lesungen: Was machen die Besucherinnen und Besucher, die „glücklich und bewegt nach Hause gehen“, mit diesem frischen Eindruck? „Fragen sie sich, was in ihren eigenen Familien war?“
Und wo bleibt das Positive? Das gibt es zum Glück dann doch noch. „Wir haben schon einiges geschafft“, sagt Shida Bazyar mit Blick auf die „postmigrantischen“ Veröffentlichungen der jüngeren Vergangenheit. Sie nimmt ihre Gesprächspartnerin Karosh Taha in den Blick und stellt entschieden fest: „Deutsche Literatur ist auch die von Dir und mir.“
Von Martin Oehlen
Auf diesem Blog
haben wir Karosh Tahas Roman „Gulistan“ HIER besprochen.
Shida Bazyar: „Die Lücken“, Kiepenheuer & Witsch, 512 Seiten, 25 Euro. E-Book: 19,99 Euro.
