Der Ehemann als Doppelgänger von Saddam Hussein: Karosh Tahas Roman „Gulistan“ ist ein Mahnmal für die Kurden im Irak

Foto: Bücheratlas / M. Oe.

Karosh Taha hat ein mutiges Buch geschrieben. In „Gulistan“, ihrem dritten Roman, schildert sie die brutale Verfolgung der Kurden im Irak durch den Diktator Saddam Hussein. Diese Verfolgung eskalierte Ende der 1980er Jahre, kurz nachdem Karosh Taha 1987 in Zaxo im Norden des Landes geboren wurde. Mitte der 1990er Jahre ist die Autorin mit ihrer nach Deutschland geflohen. Mutig ist es zum einen, sich dem Trauma von Krieg und Terror zu stellen. Mutig ist es aber auch, diese Geschichte in eine Form zu gießen, die sich konsequent dem leichten Lesekonsum verweigert.

Die Uniform des Diktators

Der Roman beginnt damit, dass Gulistans Ehemann Ciya „Besuch“ bekommt von zwei Schergen der Diktatur. Sie machen dem Schneider Vorwürfe, die aus der Luft gegriffen sind, aber denen eine lebensgefährliche Dynamik innewohnt. Die beiden arabisch sprechenden Iraker verlangen, das Ladenschild mit dem kurdischen Namen „Gulistan“ zu entfernen. Das provoziere nur die Bevölkerung. „Gulistan“ bedeutet „Blumen“.

Als Ciya eines Tages nicht zum Abendessen heimkehrt, macht sich Gulistan auf die Suche nach ihm. Wo immer sie vorspricht, trifft sie auf Arroganz, Ignoranz und Militanz. Gleichwohl zahlt sich ihre Beharrlichkeit aus: Gulistan erblickt ihren Mann, der umringt wird von einer Menschenmenge. Zwar bemerkt sie einige Veränderungen in seinem Gesicht. Doch kein Zweifel: es ist Ciya. Nur dass er jetzt die Uniform von Saddam Hussein trägt.

Alles scheint zu zerfallen

Die Rolle, die dem Ehemann aufgezwungen wurde, ist die des Doppelgängers. Mit dieser Multiplikation der eigenen Erscheinung, so der machtbewusste Hintergedanke, lebt man als Diktator länger. Gulistan sagt: „Ciya war allen Augen und Kugeln ausgeliefert als die Verkörperung des Tyrannen.“

Doch auch jetzt gibt Gulistan nicht auf. Verzweifelt sucht sie die Nähe ihres Ehemannes, der den Diktator mimen muss. Schließlich landet sie im Gefängnis. Oder besser gesagt in einem Verließ in der Wüste. Dort wird sie gefoltert. Angesichts dieser psychischen Exzesse, denen sie ausgesetzt ist, scheint der Wahnsinn nicht mehr fern. Alles scheint zu zerfallen: die Identität, die Sprache und die Ordnung sowieso.

Silbe für Silbe

Karosh Taha demonstriert diese fast vollkommene Auflösung mit einem formalen Kraftakt, der es in sich hat. Der erste Eindruck ist: Hier fehlt etwas. Genau – die Interpunktion innerhalb der Sätze entfällt. Kein Komma sorgt für Orientierung. Als die Schergen den Schneider Ciya einzuschüchtern versuchen, lesen wir: „Das irritiert die Menschen in dem Zustand des Landes wollte er doch nicht die Öffentlichkeit erregen ob er sich bewusst sei dass sie ihn schützten vor den Menschen.“

Solche Sätze verweigern sich der flinken Lektüre.  Sie wollen wahrgenommen werden. Silbe für Silbe. Zudem wird zuweilen der vertraute Satzspiegel aufgegeben. Da fallen die Zeilen auseinander, als zerbräche die Sprache, oder ein Dialog, in dem die Sprechenden aneinander vorbeireden, wird in parallelen Blöcken platziert. Auch überraschen geometrische und figurative Buchstabenbilder.    

Die zwei Gesichter

Karosh Taha hat zuletzt in ihrem Roman „Im Bauch der Königin“ demonstriert, dass ihr vor formalen Experimenten nicht bange ist. Da nämlich erzählt sie zwei Geschichten, wobei man für die zweite Geschichte das Buch umdrehen muss. Auf diesem Weg geht sie in „Gulistan“ mit großen Schritten weiter. So werden im letzten Drittel des Romans die Seiten in zwei Hälften und zwei Textsorten geteilt – und nun gibt es zumindest im unteren Teil auch Kommata. Das ist harte Kost, wenn man beiden Strängen folgen und diese in Verbindung bringen will.

Hinzu kommt der stetige Wechsel der Perspektive von der Ich-Erzählerin zur personalen Sie-Form. Und die kurdischen und englischen Einsprengsel werden nicht übersetzt. Auf Englisch wird ein plastischer Chirurg und bildender Künstler zitiert, der eine Weile Vertrauter von Saddam Hussein war und später über diese Zeit öffentlich Auskunft gab. Im Roman sagt er: „He got two faces“ – der Diktator habe zwei Gesichter, zwei Persönlichkeiten gehabt. Heute lebt er, sofern die Angaben auf seiner Homepage aktuell sind, in England.

„Ein literarisches Totengebet“

Der Roman ist ein langes Klagelied, lyrisch und pochend. Mit rhythmischen Versen wie diesen, die ein Mann spricht, der bei einem Raketenangriff Frau und Kinder verloren hat: „Man brach mir den Rücken / man brach mir den Rücken / den Rücken man brach ein / in meinem Rücken“. Die Erinnerung an den Schrecken bleibt. Auch nach dem Tod des Diktators. So steht es im Buch: „Das Ende des Krieges ist nicht das Ende des Krieges. Er geht im Körper weiter.“

In einem Interview mit ihrem Verlag hat sich Karosh Taha zum Ursprung dieses Romans geäußert: „Als ich während einer Recherchereise in Kurdistan ehemalige Gefangene interviewte, auch in der Verwandtschaft, spürte ich den Auftrag, dem Leid dieser Menschen einen Ausdruck zu geben. Wer sonst würde diese Geschichten weitertragen können? Wer würde all den Menschen, die ihre Geschichte nicht erzählen können, den Vermissten, den Verschleppten und Getöteten ein literarisches Totengebet sprechen können?“

Dieses „Totengebet“ hat es auf die Longlist zum Deutschen Buchpreis 2026 geschafft. Auf der Shortlist ist es allerdings nicht mehr vertreten. Es ist ein herausforderndes und eindrucksvolles Kunstwerk, das wie eine literarische Installation anmutet. Ein Roman als Mahnmal.

Martin Oehlen

Auf diesem Blog

haben wir über einen Auftritt von Karosh Taha in der Reihe „Zwischenmiete“ berichtet. Dort plädierte sie dafür, die Leserschaft stärker als derzeit üblich herauszufordern: „Die deutsche Gegenwartsliteratur sollte experimenteller sein.“ Mehr dazu HIER.

Lesung und Gspräch

mit Karosh Taha in Krefeld am 15. 9. 2026, in Berlin am 17. 9., in Duisburg am 18. 9., in Zürich am 21. 10. und in Darmstadt am 7. 11. 2026.

Karosh Taha: „Gulistan“, DuMont, 160 Seiten, 24 Euro. E-Book: 19,99 Euro.

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