„Hauptstadt der deutschen Literatur“: Boris Beckers Fotografien von Sanary-sur-Mer, wohin einst viele deutsche Künstler flohen

Boris Becker im Ausstellungsraum Foto: Bücheratlas / M. Oe.

Sanary-sur-Mer an der südfranzösischen Mittelmeerküste ist ein beliebtes Ziel für Touristen. Das Licht, das Meer, der Hafen – da zeigt sich, wie schön die Côte d’Azur sein kann. Doch mit diesem schmucken Ort ist auch eine schmerzhafte Erinnerung verbunden. Denn vor bald 100 Jahren war die Kleinstadt einer der wichtigsten Fluchtorte für deutsche Künstlerinnen und Künstler.

Von Bloch bis Zweig

Die unvollständige Liste derer, die vor den Nazis nach Sanary geflohen sind, platzt geradezu vor Prominenz: Ernst Bloch, Bertolt Brecht, Ferdinand Bruckner, Albert Drach, Lion und Marta Feuchtwanger, Bruno Frank, Walter Hasenclever, Franz und Helen Hessel, Alfred Kantorowicz, Hermann Kesten, Egon Erwin Kisch, Arthur Koestler, Annette Kolb, die Manns (Heinrich, Thomas, Katia, Golo und Klaus), Ludwig Marcuse, Erwin Piscator, Anton Räderscheidt, Joseph Roth, Franz Werfel, Alma Mahler-Werfel, Friedrich Wolf, Theodor Wolff, Arnold Zweig und Stefan Zweig. Und das sind gewiss nicht alle.

Nun widmet der Fotograf Boris Becker, Meisterschüler von Bernd Becher in den 1980er Jahren, dem Ort eine kleine Ausstellung im Antiquariat und Veranstaltungsraum bENESIS55 von Wolfgang Strobel in Köln. Es sind schwarz-weiße Aufnahmen einer Stadt im Sonnenlicht. Zwar ist einmal das legendäre „Hotel de la Tour“ am Hafen zu sehen, in dem viele Flüchtlinge untergekommen sind. Doch hier wird keine Spurensuche betrieben und kein Rundgang zu den historischen Domizilen ins Bild gerückt. Gleichwohl schwingt das Wissen um die Emigrantinnen und Emigranten immer mit, wenn man diese Aufnahmen betrachtet. Im Katalog wird Ludwig Marcuse zitiert, der Sanary-sur-Mer als „Hauptstadt der deutschen Literatur“ bezeichnet hat.

Zwischen Boulodrome und Hotel de la Tour

Die (fast) völlige Abwesenheit von Personen, die für Boris Beckers Werk typisch ist, prägt auch diese Fotografien. Gleich fragt man sich, wie lange er wohl hat warten müssen, ehe ihm niemand mehr im Bild stand. Dennoch wirken diese Motive nicht klinisch kühl, als lägen sie auf einem Seziertisch. Vielmehr verströmen sie Wärme und Melancholie, Historie und Vitalität. Jede Aufnahme könnte das Startbild sein zu einem Film, der gleich ans Laufen kommt: Das Karussell dreht sich, der Balkon in der Rue de la Prud’homie bevölkert sich, die Fensterläden in der Avenue Gallieni fliegen auf und im „Boulodrome“ rollen die Kugeln.

Der Clou der hier ausgestellten Aufnahmen: Es ist nicht sofort ersichtlich, dass sie in der Gegenwart entstanden sind, im Sommer 2026. Kein Handy, kein E-Sportwagen, keine Reklametafel verweist aufs Heute. So sind es Sinnbilder für die Vergangenheit in der Gegenwart.

Martin Oehlen

Die Ausstellung

„Sanary-sur-Mer“ von Boris Becker im bENESIS55, Benesisstr. 55 in Köln, ist geöffnet bis 12. 12. 2026. Variable Öffnungszeiten: in der Regel Fr. – Sa., 14 – 18 Uhr und nach Vereinbarung.

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