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„Das Haus meiner Eltern in Eden“

Das Vorhaben ist anspruchsvoll: „ich will einen Triathlon des Erinnerns / ach was / einen Ironman des Gedenkens absolvieren“. So steht es geschrieben in Georg Smirnovs zweitem Gedichtband „Das Haus meiner Eltern in Eden“, der jetzt im Tauland Verlag vorliegt. Tatsächlich stellt sich der Autor einer besonderen künstlerischen und emotionalen Herausforderung: Er widmet sich der Geschichte seiner Familie, die geprägt ist von Deportation, Unterdrückung, Krieg und Flucht.
Natürlich ist es ein lyrisches Ich, dem wir in dem Band begegnen. Doch die Behauptung ist nicht allzu kühn, dass es sich um autofiktionale Verse handelt. Also erst einmal dies zur Person: Georg Smirnov wurde 1981 als Sohn einer Russlanddeutschen und eines Russen in Zentralrussland geboren und wuchs in Kirgistan auf. Nach langem Warten erhielt die Familie 1990 die Genehmigung zur Ausreise nach Deutschland.
Allemal imponiert die Dringlichkeit, die aus den Gedichten spricht: „ich weiß wer ich bin / ich weiß was ich will“. In diesem lyrischen Ich brodelt und gärt es. Nicht alle Biografien, die zur Sprache kommen, sind offene Bücher. Einige Lücken klaffen. Da ist es durchaus passend, wenn die Verse einem stetigen Tasten gleichen. Auf der Suche nach dem richtigen Wort fallen dem Autor viele Vokabeln ein. Immerzu werden Begriffe variiert. Das sorgt nicht nur für allerlei Klangfarben, sondern auch für dynamische Steigerungen: „meine Seele ist / ein Sumpf / ein Stausee / ein Klärwerk“. Den solcherart erzeugten Drive befördern zudem die meist kurzen, vorwärtstreibenden Zeilen.
Georg Smirnov durchschreitet einen großen Zeitkorridor – gleichsam von Stalin bis Putin, von der Verfolgung in der UdSSR bis zum Krieg in der Ukraine. Vorderhand geht es um engste persönliche Beziehungen. Doch die Gedichte weisen über das Private hinaus. Wo von Unterdrückung die Rede ist, geht das alle etwas an. Außerdem hören die Fragen nach Identität und Zugehörigkeit nicht auf. Einmal sagt die Mutter (beziehungsweise sagt es der Blick der Mutter): „ich trag etwas in meinem Herzen / das stärker ist als jeder Pass / als jedes Dokument / als jede Blutlinie / und jeder Stammbaum / je verraten kann“.
Es ist ein Lyrikband der vielen Geschichten. Eine Geschichte, die gut ausgeht, wird in „Glaubenssätze“ ausgebreitet. Sie handelt davon, wie Andreas Brehme – der Fußballnationalspieler, der Deutschland 1990 per Elfmeter zum Weltmeistertitel schoss – zum Sinnbild des Ankommens in Deutschland wird. In Hückelhoven an der Rur, „unserem niederrheinischen Mississippi“, will plötzlich jeder Andreas Brehme sein. Auch der junge Georg.
Die Gedichte gleichen nicht selten archaischen Anrufungen. Schon die Art, in der die einzelnen Personen angesprochen werden, legt das nahe. Verstärkt wird dieser Eindruck durch die Integration religiöser Bezüge oder auch mal durch die Überschreibung eines Gebets: „denn ihr ist das Reich / und die Kraft / und die Dunkelheit / von Ewigkeit zu Ewigkeit“. Mit Bedacht werden einige russische Sätze platziert, die sich freilich als blinde Stellen für jene erweisen, die der Sprache nicht mächtig sind.
„Das Haus meiner Eltern in Eden“ macht Eindruck. Schon klar – Eden ist nicht von dieser Welt. Aber die Schicksale, die in diesem Band aufscheinen, sind es ganz gewiss. Wir erleben einen „Triathlon des Erinnerns“, den Georg Smirnov siegreich besteht.
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„Das Alphabet des Feuers“

Lyrik aus Island“ bestimmt die aktuelle Ausgabe der Zeitschrift „die horen“. Wolfgang Schiffer versammelt unter dem Titel „Das Alphabet des Feuers“ Gedichte von mehr als 40 Autorinnen und Autoren – und füllt damit satte 150 Seiten der „Zeitschrift für Literatur, Kunst und Kritik“. Alle ausgewählten Gedichte sind mit mindestens einem der drei großen Lyrikpreise des Landes ausgezeichnet worden. Das Ergebnis: ein eindrucksvolles Best-of.
Die Lyrik, heißt es im Geleitwort, ist „den Isländern immer noch das bedeutendste literarische Genre“. Jährlich erscheinen rund 50 einschlägige Bände – und das bei einer Einwohnerzahl von 400.000, was der von Bochum entspricht. In einem der Statements, welche die Gedichte begleiten, sagt die Literaturfachfrau Jorunn Sigurdardiottir: „Ein Gedicht bring alles zum Fliegen. Jeder Isländer dichtet und sehr vielen gelingt es richtig gut.“ Natürlich liegt es nahe, den Ursprung dieser Literaturlust in den Sagas aus dem Mittelalter zu suchen.
Tatsächlich sind viele der vorliegenden Gedichte erzählerisch angelegt und griffig. Auch entdeckt man manches Augenzwinkern. Hier das Gedicht „Verloren“ von Ragnheidur Larusdottir aus dem Jahr 2020: „mein herz ist weg / ich werde schon blau / ich suche / finde es schließlich im mülleimer / es schlägt noch, langsam und unregelmäßig / ich pflücke eierschalen von ihm ab, haare und kaffeesatz / stecke es dann in die brust / ich muss sein“. Dass wir das nicht vergessen zu erwähnen: Die Übersetzung dieses Gedichtes und aller anderen Island-Gedichte des Bandes besorgten Wolfgang Schiffer und Jon Thor Gislason (der auch einige Gemälde beigesteuert hat).
Geboten wird in den „horen“ traditionsgemäß einiges mehr als nur ein Schwerpunktthema. Wer nach dem Aufenthalt auf Island ein paar Wärmeeinheiten benötigt, sei auf Philipp Cyprians „Taipei Tango“ verwiesen. Hinter diesem Titel steckt das Tagebuch einer Reise zu einem Boxkampf in Taiwan. „Alles wirkt größer“, heißt es dort, „wenn man sich darauf konzentriert.“ Sei es ein Vogel, sei es der Herzschlag. Einfach mal ausprobieren – das stimmt.
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„binde mich odysseus gleich an die ubahnstange“

Ein reißender Strom – das kommt einem in den Sinn, wenn man sich auf die Gedichte von Ozan Zakariya Keskinkilic einlässt. Da werden Abendland und Morgenland zusammengeführt, landen uralte Mythen im modernen Berlin, finden sowohl Gebetsteppiche als auch Bettlaken ihren Platz zwischen den Buchdeckeln.
Der Autor hat einen Flow. „binde mich odysseus gleich an die ubahnstange“ ist – nach „Prinzenbad“ von 2022 – der zweite Lyrikband des Autors, der im Elif Verlag veröffentlicht wird. Zudem ist im vergangenen Jahr sein Roman „Hundesohn“ bei Suhrkamp erschienen. Und den Klagenfurter Bachmann-Wettbewerb verließ er in diesem Sommer mit dem Deutschlandfunk-Preis für „Vater ohne Sohn“.
Seine neuen Verse sind scharf im Ton. Kaum einmal zögert und zaudert das lyrische Ich, sondern es packt zu. Kraftvoll ist das Vokabular, sind es auch viele der Bilder, und der Rhythmus ist ein schneller. Das die Antike feiernde Namedropping – sei es Ischtar, sei es Medea, sei es noch diese und jener – öffnet Assoziationsräume.
Es sind Gedichte mit Bodenhaftung, in denen das Private und das Politische aufblitzen. „ausländer hier, ausländer da“ heißt es in „februarsturm“. Das Gedicht gedenkt, so erläutert es Keskinkilic, „der Opfer des rassistischen Terroranschlags von Hanau am 19. Februar 2020“. Darin tauchen Fragen auf: „wer hat das verbrechen gerochen / wer hat das versprechen gebrochen“.
Martin Oehlen
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Auf diesem Blog
haben wir eine Lesung von Georg Smirnov aus dem Band „Zurichtungen“ HIER besprochen.
Über Wolfgang Schiffers eigene Werke haben wir zuletzt HIER berichtet.
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Georg Smirnov: „Das Haus meiner Eltern in Eden“, Tauland Verlag, 144 Seiten, 14 Euro.
„die horen“, zusammengestellt von Wolfgang Schiffer, Johann P. Tammen und Florian Welling, Wallstein Verlag, Band 303, 216 Seiten, 14 Euro.
Ozan Zakariya Keskinkilic: „binde mich odysseus gleich an die ubahnstange“, Elif Verlag, 98 Seiten, 22 Euro.


