
Es sind die Wochen des August Sander. Der Fotograf, der mit seinem Großwerk „Menschen des 20. Jahrhunderts“ Kunstgeschichte geschrieben hat, wurde vor 150 Jahren geboren. Der runde Geburtstag am 17. November ist aktueller Anlass für eine Ausstellung in der Photographischen Sammlung der SK Stiftung der Sparkasse KölnBonn: „August Sander – Zum 150. Geburtstag“. Der Titel ist so nüchtern und lapidar wie es die Bildzeilen sind, die er seinen Porträts beigegeben hat – sei es der „Bauer“, sei es das „Bürgerkind“.
Eine von 1001 Erzählungen
Nun legt Ute Wegmann einen sympathischen Band vor, in dem sie den Fotografien gleichsam Beine macht: Das „eingefrorene“ Bild gerät in Bewegung. Die Autorin hat sich während der Corona-Zeit in die Kinderaufnahmen von August Sander verguckt. Seitdem erzählt sie deren Geschichten. Selbstverständlich sind diese frei erfunden. Es ist jeweils nur eine von 1001 möglichen Erzählungen.
Tatsächlich hat sich Sander nie um die Namen, geschweige denn die Lebensgeschichten seiner Protagonisten gekümmert. Sein Ziel war es, Porträts von Vertretern einzelner Berufsgruppen und Gesellschaftsschichten im sachlich-dokumentarischen Stil zu fixieren.
„Das hätten wir ihr nicht zugetraut“
Die „Miniaturen“ von Ute Wegmann, von der zuletzt der Roman „Alles soll sehr weiß sein“ erschienen ist, sind von anderer Art. Sie wollen mit den Individuen bekannt machen, mit dem Moment, in dem sie abgelichtet werden, mit ihrem Denken und Empfinden.
Die kurzen Geschichten öffnen einen Phantasieraum, der emotional aufgeladen ist. Da lernen wir Kinder kennen, die in aller Regel wissen, was sie wollen. Oft gelingt ihnen, was sie sich vorgenommen haben – und sei es nur, dass Magdalena heimlich bis in den fünften Stock des neuen Warenhaus Tietz gelangt. Die übrigen Kinder von der Schemmergasse im Kölner Griechenviertel staunen nicht schlecht: „Das hätten wir ihr nicht zugetraut.“
„So einfach, so schwer“
Auch den Fotografen hat Ute Wegmann im Blick. Mehrfach taucht August Sander in den Erzählungen auf, wenngleich sein Name unausgesprochen bleibt. In Sardinien hält er 1927 zwei „Bauernjungen“ auf, die auf einem Esel zu einem Fest reiten. Dem „Bauernkind“ aus den 1940er Jahren fallen nach der strapaziösen Foto-Session die zerquetschten Blumen aus der Hand. Und dem „Bauernkind“ von 1919 gibt der Fotograf eine Regieanweisung: „Nun, Kind, du gehst auf die Straße und kommst zurück und wenn ich stopp! sage, bleibst du stehen.“ So geschieht es dann auch. Am Ende freilich bekennt das Mädchen, das so aufgeweckt und selbstbewusst ist wie die anderen Kinder auch: „Das war’s. So einfach, so schwer. Vor allem sehr langweilig.“
Es sind liebenswerte und anrührende Geschichten. Der Ernst des Lebens zeigt sich gelegentlich. Vielleicht am schönsten im Fall der „Bäuerlichen Braut, 1920-1925“, der als 16-Jähriger ein Witwer als Bräutigam zugewiesen wird. Doch auch hier wird am Ende Zuversicht vermittelt. Gut so. Denn die Mädchen und Jungen, die wir kennenlernen, haben ja noch viel Leben vor sich.

Der Stein der Empathie
Der Band aus dem Péridot-Verlag, der soeben in der Kölner Galerie Smend vorgestellt worden ist, zeigt auch die 20 Sander-Fotografien, von denen Ute Wegmann zu ihren Miniaturen verlockt worden ist. Und in einem Nachwort stellt der Fotograf Boris Becker den Zusammenhang zwischen den Aufnahmen und den Geschichten dar.
Den Péridot Verlag hat Ferdinand Lutz vor fünf Jahren in Köln gegründet. Auf dem Programm stehen vorneweg Werke grafischer Literatur, aber eben auch solche, die „Schnittstellen mit Kunst, Literatur, Fotografie und Musik“ aufweisen. Zum Verlagsnamen sagt der Verleger, der selbst als Comic-Zeichner aktiv ist: „Péridot ist der französischen Bezeichnung für einen kleinen Edelstein entliehen: Dieser grüne Stein hat für Menschen – ähnlich wie grafische Geschichten – bereits seit tausenden von Jahren eine besondere Bedeutung. Im alten Ägypten etwa sagte man dem Péridot nach, jene, die ihn trugen, Empathie zu lehren.“ Zu diesem Empathie-Projekt passt Ute Wegmanns Band „Wir von der Schemmergasse“ geradezu idealtypisch.
Martin Oehlen
Auf diesem Blog
haben wir Ute Wegmanns Familienroman „Alls soll sehr weiß sein“ HIER vorgestellt.
Ute Wegmann: „Wir von der Schemmergasse“, Miniaturen zu Fotografien von August Sander und mit einem Nachwort von Boris Becker, Péridot Verlag, 88 Seiten, 19 Euro.
