
Hendrik Popom traut seinen Augen nicht: Der Mann, der vor ihm an der Ladenkasse steht, ist er selbst. Nur ungefähr doppelt so alt. Er schaut noch einmal genau hin. Kein Zweifel: „Dieser Mann war ich.“ Hendrik erzählt seine unglaubliche Geschichte mit dem Abstand von einigen Jahren. Kein Wunder, dass es etwas gedauert hat. Denn eine derartige Begegnung erlebt man nicht alle Tage.
„Man muss mir glauben“
Doch bevor es mit dem Erzählen so richtig losgeht, formuliert Hendrik noch eine Gebrauchsanweisung für die Lektüre. „Man muss mir glauben“, teilt er mit. „Das ist die Voraussetzung für alles, was jetzt kommt, denn Erklärungen werde ich keine bringen können, auch keine Theorien und Beweise schon gar nicht.“
Solcherart kommt eine Geschichte in Gang, in deren Verlauf der junge Hendrik und der alte Hendrik allmählich ins Gespräch finden: „Sie sind ich.“ Die Dialoge zwischen „Ich“ und „Er“, die mehrfach die Prosa aufbrechen, sind oft die reine Freude. Denn die Herren sind ja auf sehr besondere Art miteinander vertraut. Viele Gespräche führen sie in einem Pfeifenladen. Auf dieses Warenangebot nimmt das Buchcover Bezug, indem es augenzwinkernd die berühmte Pfeife des großen René Magritte zeigt. Der Künstler war auch so einer, der das Surreale schätzte: „Ceci n’est pas une pipe“.
„Ein unerträglich patscherter Kerl“
Bei den Begegnungen von Hendrik und Hendrik fällt auf, dass der Ältere eine gewisse Distanz zum Jüngeren pflegt. Diese Zurückhaltung wächst umso mehr, je neugieriger der Jüngere wird, der sich rückblickend selbst als „unerträglich patscherter, grünschnäbliger Kerl“ bezeichnet. Er sucht nach Orientierung, die er sich von seinem Alter Ego beziehungsweise seinem Älteren Ego erhofft.
Aber Popóm – der Senior hat seinem Nachnamen einen Akzent verpasst – macht da nicht mit. Er möchte Popom – ohne Akzent – nicht sagen, was sein Leben noch auf Lager hat. Das müsse er schon selbst herausfinden. Nicht gerade beruhigend ist der Zusatz: „Glaub mir, das willst du alles gar nicht wissen.“ Das Problem kennen wir aus den „Zurück in die Zukunft“-Filmen. Niemand sollte sich in die Gegenwart einmischen, der nicht in ihr lebt. Denn das sorgt für Komplikationen. Irgendwann begreift der Junior: „Ganz egal, wie sehr er mir in meinem Leben voraus sein mochte, ich hatte mein eigenes Leben zu leben.“ Bravo!
„Scheißdreckgeschissenes Hurnsgurkelwasser“
Über den skurrilen Plot muss man sich nicht weiter wundern. Nicht bei der Autorin. Johanna Sebauer hat ein Faible für derartige Absurditäten. 2023 veröffentlichte die Österreicherin ihren Debütroman „Nincshof“, in dem drei Männer bemüht sind, den Ort gleichen Namens vergessen zu machen. Denn sie wollen ihre Ruhe haben.
Im folgenden Jahr ging es ans Eingemachte. Mit „Das Gurkerl“ heimste Johanna Sebauer beim Bachmann-Wettbewerb 2024 gleich zwei Preise ein – den von 3sat und den des Publikums. Ihre dort vorgetragene Erzählung handelt vom Journalisten Pertak, dem beim Biss in eine Gurke ein Essigtropfen ins Auge spritzt. Genauer: ein Tropfen dieses „scheißdreckgeschissenen Hurnsgurkelwassers“. Daraus entwickelt sich in der sommerlichen Saure-Gurken-Zeit eine öffentliche Debatte. Abgründe tun sich auf zwischen Gurkerl-Befürwortern und Gurkerl-Gegnern. Diese Geschichte einer Empörung liegt seit Kurzem, erweitert um die saftigen Illustrationen von Nikolaus Heidelbach, als bibliophiles Kleinod vor.
Anja, Fritzi und Inéz
Nun also die neueste Kopfgeburt: „Popóm“. Die Begegnung des jüngeren mit dem älteren Ich. Bei den Recherchen zum Doppelgänger-Phänomen ist der junge Hendrik zu seinem Leidwesen nicht auf Sachbücher gestoßen, sondern „bloß“ auf Romane. Aber für „Ausgedachtes“ habe er sich damals nicht begeistern können, sagt er. „Warum sollte ich meine Zeit damit zubringen, mir etwas reinzutrichtern, das sich irgendeiner zusammenfantasiert und das nichts mit dem wirklichen Leben zu tun hatte?“
Und wie halten wir es mit der Geschichte, die sich Johanna Sebauer „zusammenfantasiert“ hat? Ganz entspannt! Als guter Lektüregrund genügte schon die kuriose Versuchsanordnung. Zudem wird das Surreale abgefedert von bodenständigen Szenen aus dem Alltag des jungen Hendrik. Dazu gehört: Anja hat sich von ihm getrennt, weil sie mit seinen „Träumereien“ nicht mehr klarkommt, und Fritzi ist eine wunderbare Freundin, aber hat ihr Herz an eine Frau vergeben. Dem Erzähler kann in diesen Beziehungsfragen selbst Chat GPT nicht weiterhelfen – so hartnäckig er sich auch darum bemüht. Aber dann begegnet er Inéz.
„Reintrichtern“ möglich
Ja, die Zukunft ist unter uns. Johanna Sebauer bestätigt diese Vermutung nachdrücklich. Ihr Spiel mit den zwei Realitätsebenen ist angenehm irritierend. Das mag bei manchen Leserinnen und Lesern Assoziationen zu Haruki Murakamis Werk hervorkitzeln. Auch beim Japaner steht man auf unsicherem Grund, und auch bei ihm muss man glauben, was man liest. Aber während Haruki Murakami seine Geschichten üppiger auspinselt, geht es bei Johanna Sebauer amüsanter zu.
Es ist ein zumeist luftig-leichter Roman, der gegen Ende auch einige ernste Seiten aufschlägt. Mit anderen Worten: „Popóm“ kann man sich gut und gerne „reintrichtern“.
Martin Oehlen
Johanna Sebauer: „Popóm“, DuMont, 224 Seiten, 24 Euro. E-Book: 18,99 Euro.
Johanna Sebauer: „Das Gurkerl“, mit Illustrationen von Nikolaus Heidelbach, DuMont, 60 Seiten, 20 Euro. E-Book: 14,99 Euro.

