Schicksalsschläge einer schwarzen Familie: Charmaine Wilkersons beeindruckendes Epos „Der Fall Ebby Freeman“

Foto: Bücheratlas / M. Oe.

Der Moment könnte kaum schmerzhafter sein. Der Moment, in dem Ebby Freeman begreift, dass ihr Verlobter sie an ihrem Hochzeitstag sitzengelassen hat. Henry Pepper hat nicht einmal den Mumm, ihr persönlich gegenüberzutreten. Kurz vor der Trauung schickt er ihr eine Nachricht, in der er die Beziehung aufkündigt. Er habe die Stadt bereits in der Nacht zuvor verlassen. Es tue ihm leid.

Wiedersehen mit dem Ex-Verlobten

Ebby stürzt das unverhoffte Ende ihrer Beziehung in eine tiefe Krise. In einem abgelegenen Dorf in Frankreich versucht die junge Afroamerikanerin, auf die Füße zu kommen. Dort trifft sie ausgerechnet Henry wieder, der mit seiner neuen Freundin Urlaub in Europa macht. Endlich erfährt sie – und mit ihr die gespannte Leserschaft –, warum der Bankersohn aus gutem (weißem) Hause die Beziehung beendet hat.

Für Ebby und ihre Familie reiht sich die geplatzte Hochzeit in eine Reihe von Schicksalsschlägen ein, deren Wurzeln bis zur Versklavung ihrer afrikanischen Vorfahren Anfang des 19. Jahrhunderts zurückreichen. So ist Charmaine Wilkersons Roman „Der Fall Ebby Freeman“ weitaus mehr als eine unglücklich endende Liebesgeschichte. Der US-amerikanischen Journalistin und Autorin ist vielmehr ein beeindruckendes Familienepos gelungen, das von der Resilienz und dem Wagemut schwarzer Menschen in den USA erzählt.

Fesseln der Sklaverei

Da ist Kandia, die 1803 aus ihrem Dorf in den „stinkenden Bauch eines ausländischen Schiffes“ entführt wird und ihre afrikanische Heimat nie wiedersieht. Da ist Moses, der Töpfer, der heimlich Schreiben und Lesen lernt, was Schwarzen ausdrücklich verboten ist. Und schließlich ist da Willis, der sich von den Fesseln der Sklaverei befreit und als freier Mann zur See fährt.

Ein schwerer Tonkrug, der von Generation zu Generation weitergegeben wird, symbolisiert die Widerstandskraft sowie den wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Aufstieg der schwarzen Familie, die inzwischen zu den angesehensten in Connecticut gehört. Ausgerechnet dieser Krug zerbricht während eines Einbruchs in das Haus der Freemans, bei dem Ebbys älterer Bruder getötet wird. Doch auch von diesem Schicksalsschlag erholt sich die Familie – nicht zuletzt mit der Hilfe von Henry Pepper, Ebbys ehemaligem Verlobten.

Petra Pluwatsch

Charmaine Wilkerson: „Der Fall Ebby Freeman“, dt. von Britt Somann-Jung, Fischer, 432 Seiten, 20 Euro. E-Book: 16,99 Euro.  

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