Auf der Suche nach literarischen Spuren wird man auf der aktuellen Biennale in Venedig zügig fündig. Das Motto der 61 Kunstausstellung stammt von der verstorbenen Kuratorin Koyo Kouoh: „In Minor Keys“. Damit setzt sie auf eine leisere Tonart. Will sagen: mehr Besinnung und Nachhaltigkeit, weniger Spektakel und Ausbeutung. Eine erste Sammlung von Literaturspuren haben wir auf diesem Blog HIER veröffentlicht. Nach dem Auftakt mit Werken von Oriol Vilanov, Miet Warlop, Belu-Simion Fainaru und dem Künstlerkollektiv „blaxTARLINES KUMASI“ folgt hier ein zweiter (und letzter) Teil.
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Bücherwirbel aus Irland

Bücher wirbeln durch die Bildgeschichten von Isabel Nolan, die den Irland-Pavillon dominieren. Sie bekommen Flügel, stehen im Regal, liegen auf dem Boden – oder werden von einem Leser in den Händen gehalten. Auch taucht auf diesen Wandteppichen der venezianische Drucker Aldo Manuzio (1450-1515) auf, von dem es heißt, er habe die Menschen aufgefordert, die Wörter den Waffen vorzuziehen. Er hat überdies Buchgeschichte geschrieben, indem er das preiswerte Oktav-Format befördert hat. Isabel Nolans leuchtender Reigen trägt den suggestiven Titel „Dreamshook“, also eine Verbindung von Traum und Haken. Es handelt sich, wie die Künstlerin im Magazin „monopol“ feststellte, um ihre eigene Wortschöpfung.
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Regalmeter aus Südafrika

Kemang Wa Lehulere hat eine Bibliothek der eigenen Art aufgebaut: „Bleach My Words for Your Comfort“. Ziegelsteine statt Bücher stehen im grünen Regal. Zwischendrin finden sich Handzeichen aus Bronze und Kunstharz, die Buchstaben aus der Gebärdensprache darstellen. Der Südafrikaner versteht sein Werk unter anderem als Protest gegen die Zensur, gegen die Verdrehung der Tatsachen, gegen das Vergessen. Selbstverständlich nicht nur ein Problemfall im Süden Afrikas.
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Anrufung aus Puerto Rico

Natalia Lassalle-Morillo aus Puerto Rico würdigt in einer mehrteiligen Arbeit ihre verstorbene Großmutter. Neben einer Videoarbeit ist auch die Installation „En realidad el alma no muere“ (Tatsächlich stirbt die Seele nicht) zu sehen. Die gestickte Behauptung – eher eine flehentliche Anrufung, so scheint es – wird umkreist von sanft schwingenden Sätzen. Ein Hauch von Harmonie – dem Verlust zum Trotz.
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Songbook aus den USA

Cauleen Smith aus Los Angeles rückt das Werk von Wanda Coleman (1946-2013) ins Zentrum ihrer Videos und Objekte. Dabei ist ihr die US-Autorin „Sujet und Inspirationsquelle“. „The Wanda Coleman Songbook“ versteht sich als Meditation über Los Angeles, wo die Dichterin gelebt hat. Einige ihrer Gedichte liegen auch in deutschsprachigen Ausgaben bei Maro und Eichborn vor. Die Filmaufnahmen, die das Publikum aufzusaugen scheinen, zeigen eine Autofahrt durch die Metropole und widmen sich den gedruckten Werken. Eine durchaus kritische, aber gleichwohl empathische Stadterkundung in Wort und Bild.
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Vogeljagd auf Barbardos

Noch ein Gedicht! Verse von Olive Marjorie Senior aus Jamaika prangen am Rande des Biennale-Beitrags „Let This Be My Cathedral“ von Annalee Davis aus Barbados. Das Gedicht greift einen zentralen Gedanken der Arbeit auf, die aus einem Herbarium karibischer Pflanzen und einem auf der Insel ausgestorbenen Vogel besteht (auf dem Tisch ist er rücklings liegend zu erahnen). Olive Marjorie Seniora „Birdshooting season“ erzählt von der Vogeljagd, die eine Leidenschaft der Männer sei. Währenddessen flüsterten die kleinen Mädchen: „Fliegt, Vögel, fliegt“. Eine Installation als Aufruf zum achtsamen Umgang mit der Schöpfung. Ganz im Sinne des Biennale-Mottos: „In Minor Keys“.
Martin Oehlen
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Auf diesem Blog
haben wir bereits einen ersten Teil mit Literaturspuren auf der Biennale HIER veröffentlicht.
Die 61. Kunstausstellung
der Biennale di Venezia ist noch bis zum 22. November 2026 zu sehen.
