Literaturspuren auf der Biennale in Venedig (1): Neue Kunst mit Wassertropfen, Gipstafeln und Traditionslinien

Die Biennale von Venedig ist keine Buchmesse. Dennoch setzt sie einige literarische Akzente. Gerade auch in diesem Jahr, da sich die Kunstausstellung zum 61. Mal in den Giardini, im Arsenale und an anderen Orten der Traumstadt präsentiert. Das liegt auch an Koyo Kouoh, der im vergangenen Jahr verstorbenen Kuratorin. An ihrem Konzept unter dem Titel „In Minor Keys“ wurde festgehalten. Die Tendenz der Darbietungen: Eher leise und nachhaltig, nicht grell und flüchtig. Im Editorial zur Ausstellung wird ausdrücklich auf Koyo Kouohs literarische Inspirationsquellen verwiesen, auf Toni Morrison und Gabriel Garciá Márquez. Sie selbst stellte in einem Beitrag aus dem Jahr 2000 fest: „Am Anfang gibt es immer Worte. Worte sind Brücken zum Anderen. Worte sind eine Offenbarung für sich selbst. Worte hängen in der Luft, bewegen sich – getrieben vom Wind – von Zungen zu Ohren, Worte dringen wie heimlicher Dünger in den Boden ein, ihre Klänge, Rhythmen und Melodien erfüllen die Luft mit Duft.“

Einige Worte haben wir bei einem Rundgang in Venedig aufgespürt. Diese präsentieren wir in zwei Beiträgen. Den ersten Bilderbogen gibt es hier.

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Postkarten aus Spanien

Foto: Bücheratlas / M. Oe.

Oriol Vilanova hat den spanischen Pavillon in einen Tempel aus Postkarten verwandelt. Dabei geht es ihm, so lesen wir, um Erinnerung und Wiederholung. Auf uns wirkt die Inszenierung vor allem wie ein letztes Hurrah für ein untergehendes Kommunikationsmittel. Diese Postkarten sind Objekte aus einer Zeit, als der handschriftliche Gruß zum Reise-Necessaire gehörte.

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Wortbrüche aus Belgien

Foto: Bücheratlas / M. Oe.

Miet Warlop lässt den belgischen Pavillon nicht zur Ruhe kommen. Immer wieder tönt und kracht es. Auch können die Besucherinnen und Besucher auf die Pauke hauen. Im Zentrum von „IT NEVER SSST“ stehen in Gips gepresste Wörter. Doch diese Tafeln, die vor Ort produziert werden, gehen auch mal zu Bruch. Wortbrüche allenthalben. Ist dem Wort nicht mehr zu trauen?

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Rose des Nichts aus Israel

Foto: Bücheratlas / M. Oe.

Schwarzes Wasser tropft in ein Becken, das den Boden des israelischen Pavillons einnimmt. Die Installation „Rose of Nothingness“ (Rose des Nichts) von Belu-Simion Fainaru bezieht sich auf Paul Celans Lyrik. Zumal auf die „Todesfuge“: „Schwarze Milch der Frühe wir trinken sie abends / wir trinken sie mittags und morgens wir trinken sie nachts / wir trinken und trinken / wir schaufeln ein Grab in den Lüften da liegt man nicht eng.“ Offiziell wird festgestellt: „Das Becken erinnert an Tinte, ein Symbol für Schreiben und Erinnerung, und verbindet so das künstlerische Erlebnis mit dem kollektiven Bewusstsein.“

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Kulturgrößenkarte aus Ghana

Foto: Bücheratlas / M. Oe.

Das Künstlerkollektiv „blaxTARLINES KUMASI“ aus Ghana zeichnet die Karte Afrikas nach seinem Geschmack. Das Bildnis ist neu und überraschend. Statt der Nennung von Nationalstaaten kommen hier intellektuelle Größen zu Ehren – unter anderem Literaten wie Wole Soyinka und James Baldwin. Ein panafrikanischer Kontinent, den keine Grenzen trennen, sondern kulturelle Traditionen verbinden. Wie sähe eine Europa-, wie eine Deutschland-Karte aus?

Martin Oehlen

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Ein zweiter Teil

mit weiteren literarischen Spuren auf der Biennale folgt. 

Die 61. Kunstausstellung

der Biennale di Venezia ist noch bis zum 22. November 2026 zu sehen.

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