Zwei Weltkriege, die NS-Ordensburg und dann der Truppenübungsplatz: Anna-Maria Caspari erzählt in „Ginsterhöhe“ von deutscher Geschichte

Der Ginster, der in der Eifel blüht, wird zuweilen als Eifelgold bezeichnet. Und für einen Romantitel eignet er sich auch sehr gut. Foto: Bücheratlas

Der Erste Weltkrieg ist verloren, Deutschland bebt unter den politischen Umwälzungen. Selbst in Wollseifen in der Eifel sind die Auswirkungen des „Großen Krieges“ zu spüren. Breuers Jupp sitzt im Rollstuhl. Seine Füße sind abgefroren. Nellessens Schäng hat psychische Probleme. Er leidet unter „Kriegszittern“ und „ist zu nix mehr zu gebrauchen“. Dem Albert Lintermann haben sie das halbe Gesicht weggeschossen, ein Auge fehlt. Als er Anfang 1919 nach Hause zurückkehrt, wendet sich seine Frau entsetzt von ihm ab. „Er wollte sie umarmen, aber sie wich erschrocken zurück. Dabei wäre sie fast über den Jungen gestolpert, der sich eng an sie drückte.“

Eine Festung auf dem Hügel

Doch schon bald normalisiert sich das Leben in Wollseifen – bis 1933 die Nationalsozialisten an die Macht kommen und in der Nähe die NS-Ordensburg Vogelsang gebaut wird.  Es verändere „unsere ganze Landschaft, seitdem es so mächtig wie eine Festung oben auf dem Hügel thront“, notiert Dorfschullehrer Martin Faßbender in seinem Tagebuch. „Es kann einem angst und bange werden, wenn man sieht, wie ein ganzer Landstrich in Besitz genommen wird.“

Nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs kommt das Aus für Wollseifen. Der Ort wird von den britischen Besatzern zum Sperrgebiet erklärt und als Truppenübungsplatz benutzt. Die rund 120 Familien haben drei Wochen Zeit, ihre Höfe zu räumen. „Mit jedem Tag wurden die Zerstörungen größer und offensichtlicher. Selbst die, die in den umliegenden Dörfern in Notunterkünften ausharrten (…), verloren die Hoffnung, als am Abend vor Fronleichnam die Kirchen von Wollseifen in Grund und Boden geschossen wurde und ausbrannte.“

Alberts Heimkehr nach Wollseifen

Knapp 30 Jahre Zeit- und Dorfgeschichte umspannt der Roman „Ginsterhöhe“ von Anna-Maria Caspari. Die aus Köln stammende Übersetzerin und Autorin, so die Angaben des Verlags, lebt am Rande des Nationalparks Eifel. Sie ließ sich vom Schicksal des Dorfes Wollseifen zu einer Trilogie inspirieren. Der erste Band – „Ginsterhöhe“ – erscheint an diesem Donnerstag.

Im Zentrum des Romans steht der Kriegsheimkehrer Albert Lintermann, ein junger Landwirt, der nach dem Tod des Vaters den Hof übernimmt. Die Zeiten sind hart, erst recht in der Eifel, wo die Böden karg und die Winde rau sind.

Nazis machen sich breit  

Überzeugend, in einer schlichten, unprätentiösen Sprache, schildert Anna-Maria Caspari das entbehrungsreiche Dorfleben in den 1920er bis 1940er Jahren. In dem abgelegenen Ort gibt es weder Strom noch fließendes Wasser. Am Abend treffen sich die Männer im Gasthof von Silvio, der aus Italien stammt und hervorragend kochen kann. Am Sonntag besucht man gemeinsam den Gottesdienst in der Kirche St. Rochus. Jeder Zugezogene wird misstrauisch beäugt, erst recht, wenn er sich wie der Städter Johann Meller als Gutsherr aufspielt und die Dörfler seine Überlegenheit spüren lässt. Bald nach Adolf Hitlers Machtübernahme tragen im Dorf die ersten Männer stolz das Parteiabzeichen am Revers – Meller mit dem schütteren Haarkranz und den stechend hellblauen Augen ist einer von ihnen.

Der Roman spiegelt geschickt die politischen wie die gesellschaftlichen Veränderungen in Deutschland. Eine behinderte junge Frau wird in eine psychiatrische Anstalt abgeschoben – eine Anspielung auf die Verfolgung all jener Menschen, die in der NS-Ideologie als minderwertig galten. Eine Halbjüdin flieht aus Angst um ihr Leben nach Belgien. Jugendliche werden solcherart indoktriniert, dass sie sich freiwillig zum Kriegsdienst melden.

Wo sich heute die Wanderwege kreuzen

Anna-Maria Caspari ist mit „Ginsterhöhe“ ein moderner und vielschichtiger Heimatroman gelungen, der auch jenseits des Rheinlands auf Interesse stoßen dürfte. Befremdlich ist allenfalls eine historische Ungenauigkeit: Belgien und Frankreich wurden nicht bereits im Oktober 1939 von den deutschen Truppen eingenommen. Der Westfeldzug begann im Mai 1940.

Der Truppenübungsplatz Wollseifen, zwischenzeitlich von den Belgiern übernommen, wurde 2006 aufgegeben. Wollseifen ist heute eine Besinnungs- und Gedenkstätte, an der sich vier Wanderwege kreuzen. Die Kirche und eine Wegekapelle am ehemaligen Dorfeingang sind wieder aufgebaut, mit der Restaurierung der Volksschule wurde 2014 begonnen.

Petra Pluwatsch

Anna-Maria Caspari: „Ginsterhöhe“, Ullstein, 400 Seiten, 16,99 Euro. E-Book: 6,99 Euro.

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