
Hier, in der Kneipe neben dem Bahnhof von Sandvika, treffen sich „die Kummervollen“ und „die Schamvollen“. Menschen wie Hicke-Per zum Beispiel, der alles verloren hat, was ihm einst wichtig war. Seine Frau hat ihn verlassen. Seine Kinder wollen nichts mehr mit ihm zu tun haben. Jeden Abend torkelt er durch die Tür und trinkt weiter, bis er zusammenbricht. Oder das grauhaarige alte Ehepaar. Abend für Abend sitzen Mann und Frau einander schweigend gegenüber. Nie fällt ein Wort zwischen ihnen, während sie Zeitung lesen und ein, zwei Biere trinken. Acht „regelmäßige Gäste“ zählt die norwegische Autorin Vigdis Hjorth in ihrem anrührenden Roman „Der gute Mensch von Sandvika“, in dem sie, inspiriert von Bertolt Brechts Theaterstück „Der gute Mensch von Sezuan“, von der Fähigkeit des Menschen zu Barmherzigkeit und Güte erzählt.
Stammgäste in der Kneipe
Auch sie, die Ich-Erzählerin, gehörte zwei Jahre lang zu den Stammgästen der schäbigen Gastwirtschaft. Anfangs sei sie nur hingegangen, weil die Kneipe in Bahnhofsnähe gelegen habe, schreibt sie. „Wenn ich mit dem Zug aus Oslo kam und lange auf den Bus warten musste, war es verlockend, dort zu sitzen, vor allem im Herbst und Winter, wenn es fröstelig war und Regen oder Schnee in der Luft lagen.“ Irgendwann sei sie mit ihrem Hund auch im Frühling und im Sommer gekommen.
„Es wurde zur Gewohnheit, ich fühlte mich dort zu Hause. Ich wurde akzeptiert, so kam es mir vor, als eine, die las und schrieb, während sie trank.“ Von den meisten Besucherinnen und Besuchern kennt sie weder den Namen noch die Adresse. „Ich redete mit niemandem, beugte mich über Rechner oder Notizheft, grüßte niemanden. Wir regelmäßigen Gäste sprachen nicht miteinander, begrüßten uns nicht, verrieten uns nur gegenseitig unsere Abhängigkeit, Bier oder Wein oder Larsens Cognac.“
Ada mit dem Lottozettel
Nur Ada Aurora Hansen, eine mollige junge Frau mit einem einfältigen, etwas kindlichen Gesicht, erregt irgendwann die Aufmerksamkeit der Autorin. Tag für Tag, Stunde um Stunde sitzt sie „in vollkommener Ruhe“ vor ihrem Glas Bier, „ganz für sich, in der Ecke des Lokals, wo der Fernseher an der Wand hing“. Am Samstagabend liegen ein paar Lottozettel vor ihr auf dem Tisch, und sie verfolgt gespannt die Ziehung der Lottozahlen. Behutsam nähern sich die beiden so unterschiedlichen Frauen einander an, ohne sich wirklich nahe zu kommen.
Ada wurde nach der Geburt von ihrer Mutter verlassen und wuchs in verschiedenen Kinderheimen auf. Jetzt bezieht sie Sozialhilfe, und wenn die am Monatsende nicht reicht, sammelt sie Pfandflaschen und lebt von Tütensuppen. „Ihre Nacktheit saugte mich zu ihr“, schreibt die Autorin, ohne ihre Gefühle für Ada näher analysieren zu können. Bald bringt die junge Frau ein paar Leckerlis für den Hund mit. Man trifft sich auf der Hundewiese im Wald – unverbindliche Zufallsbegegnungen, die geprägt sind von der Angst der Autorin vor zu viel Nähe.
Das bittere Fazit
Die Grenzen verschieben sich, als Ada im Lotto gewinnt und das Geld an Bedürftige verteilt. Es gebe zwei Klassen von Menschen, erklärt sie: „Menschen, die geben konnten, und die, die um zu überleben entgegennehmen mussten.“ Sie wolle endlich erleben, wie es sei, „die zu sein, die gab“. Den Rat der Autorin, das Geld auf der Bank zu lassen, schlägt sie zu deren unverhohlenem Ärger in den Wind. Doch Adas Versuch, gütig und barmherzig zu sein, scheitert an der Selbstsucht der Beschenkten. In ihrem Abschiedsbrief an die Autorin schreibt sie, sie habe erkannt, dass sie zwar versucht habe, gut zu sein, aber nicht einmal darin gut gewesen sei. Sie habe lediglich alles durcheinandergebracht.
Vigdis Hjort entwirft das Bild zweier Frauen, die nicht aus ihrer Haut herauskönnen. Wieviel sie Ada bedeutet hat und wie sehr sie an der verzweifelten jungen Frau schuldig geworden ist, wird die Autorin erst nach deren Tod erfahren. Weder habe sie deren unvorstellbar große Einsamkeit erkannt noch ihre „unvorteilhaft große Fähigkeit zur Güte“ richtig eingeschätzt. So wie unsere Welt eingerichtet sei, lautet das bittere Fazit der Ich-Erzählerin, seien Menschen wie Ada zum Scheitern verurteilt. Platz für Güte und Barmherzigkeit gebe es darin nicht.
Petra Pluwatsch
Auf diesem Blog
haben wir Vigdis Hjorths Familienroman „Ein falsches Wort“ HIER besprochen.
Lesung und Gespräch
mit Vigdis Hjorth in Scheller Boyens Buchhandlung in Heide am 7. 9. 2026 um 19.30 Uhr (Moderation: Gabriele Haefs), im Literaturhaus Köln am 8. 9. 2026 um 19.30 Uhr (Moderation: Theresa Hübner), im buchLaden 46 in Bonn am 9. 9. 2026 um 20 Uhr (Moderation: Thomas Fechner-Smarsly).
Vigdis Hjorth: „Der gute Mensch von Sandvika“, dt. von Gabriele Haefs, S. Fischer, 174 Seiten, 24 Euro. E-Book: 19,99 Euro.
