Anne Goscinny über René Goscinny: „Das Klimpern der Schlüssel“ ist ein berührender Brief an den früh verstorbenen Vater

Foto: Bücheratlas / M. Oe.

Neun Jahre alt ist Anne Goscinny, als ihr Vater René Goscinny stirbt. Während eines Belastungstests bei einem Kardiologen ist der französische Comicautor tot zusammengebrochen. Da war er 51 Jahre alt. „Bis später, mein Kätzchen“, hatte „Papa“ der Tochter noch zugerufen, bevor er sich an jenem 5. November 1977 auf den Weg zum Arzt gemacht hatte. „Maman kehrte an diesem Tag allein nach Hause zurück“, erinnert sich Anne Goscinny in „Das Klimpern der Schlüssel“, einem bewegenden, 80 Seiten umfassenden Brief an ihren verstorbenen Vater. „Ihr wart zusammen aufgebrochen. Ein einziger Schlüsselbund, der auf das Flurschränkchen geworfen wurde. Du warst tot. Ganz einfach tot.“

Geschichten von Asterix und Lucky Luke

Weltweit wird über den Tod des Vaters berichtet. René Goscinny, 1926 in Paris als Sohn jüdisch-polnischer Einwanderer geboren, war der wohl bekannteste Comicautor Frankreichs. Vor allem die „Asterix“-Hefte, angesiedelt in einem kleinen gallischen Dorf im Jahr 50 v. Chr., haben ihn und den Zeichner Albert Uderzo weit über die Grenzen Frankreichs hinaus berühmt gemacht. Bei seinem Tod umfasst die Reihe 22 Alben und wird in rund 25 Sprachen übersetzt.

Seit 1955 arbeitete er zudem mit dem belgischen Comiczeichner Morris an der ebenfalls sehr erfolgreichen „Lucky Luke“-Comicreihe und produzierte in seinem 1974 gegründeten Filmstudio „Idéfix“ Zeichentrickfilme wie „Asterix erobert Rom“ und „Lucky Luke – Sein größter Trick“.

„Kummer in Tarnkleidung versteckt“

Anne Goscinny, 1968 geboren und inzwischen selbst eine bekannte Buchautorin, braucht 34 Jahre, um den Mut zu finden, sich ihrem Vater anzunähern. Auf die Mitteilung der Mutter, dass der Vater tot sei und nicht wiederkomme, reagiert die Neunjährige zunächst mit kindlichem Unverständnis. „Tot bis wann, Maman? Und können wir den Hund behalten? Darf ich trotzdem zum Spielen zu Caroline?“ Später habe sie beschlossen, den Vater „weit, weit weg zu begraben“, schreibt sie. „Meinen Kummer habe ich längst in Tarnkleidung versteckt.“

Als Erwachsene habe sie schließlich nicht nur den Tod des Vaters, sondern sogar sein Leben geleugnet. Unbewusst sucht sie nach einem Ersatz, einem „Stellvertreter“ für den Verstorbenen und findet ihn in wechselnden Beziehungen mit älteren Männern. „Und hallo, Christian, André, Olivier, Pierre… und all die anderen.“ Heute wisse sie: „Papa, immer wenn ich einen Mann geliebt habe, rief ich im Grunde nach dir.“     

Schatten der Vergangenheit

Mit ihrem „Brief an meinen Vater“ setzt die Autorin René Goscinny ein berührendes literarisches Denkmal, das von Trauer, Liebe und Versöhnung erzählt. „Papa“, heißt es darin gleich zu Anfang, „dir zu schreiben ist so, als wollte ich einen kleinen Steg bauen. Mir einreden, ich könnte ihn bis ans Ende meines Lebens überqueren. In beide Richtungen. In der Mitte stehen bleiben und die Landschaft betrachten.“

Selbstkritisch setzt sie sich mit ihrem Verhältnis zu dem Verstorbenen auseinander. Und sie weint „trockene Tränen“ angesichts des Schicksals ihrer jüdischen Familienmitglieder, die im Holocaust ermordet wurden. Zwei Großonkel, mehrere Großcousins und die Großeltern des Vaters starben in den Vernichtungslagern der Nationalsozialisten. Ihr Vater habe sich nie von seinem Schmerz über diesen Verlust erholt, schreibt sie. Inzwischen seien seine Schatten zu ihren eigenen geworden, und „diese Toten ohne Grab leben in mir fort“.  

Petra Pluwatsch

Anne Goscinny: „Das Klimpern der Schlüssel – Brief an meinen Vater“, dt. von Ina Kronenberg, Diogenes, 80 Seiten, 19 Euro. E-Book: 15,99 Euro. 

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