
Eines Abends bei schwindendem Licht in Berlin, es ist noch nicht lange her, da sahen wir Michael Krüger durch die Fasanenstraße flanieren. Das Jackett hoch geschlossen, denn es war frisch, und die Hände auf dem Rücken haltend. Nach links und rechts Ausschau haltend, kam er uns entgegen. Einmal hielt er kurz inne und fixierte ein Schaufenster, als gäbe es wer-weiß-was zu entdecken. Natürlich haben wir ihn nicht gefragt, was die Aufmerksamkeit provoziert hatte. Auch verloren wir ihn bald schon aus dem Blick. Gleichwohl sind wir sicher: Das war die Stunde des Sammlers. Genau so sieht es aus, dies der subjektive Kurzschluss, wenn ein Dichter seinen Früchtekorb auffüllt.
Wie wir darauf kommen? Er habe sich sein Leben lang mit Gedichten befasst, schreibt Michael Krüger im Nachwort zu dem Lyrikband „Die Wiedereinführung der Sanduhr“, der jetzt bei Suhrkamp vorliegt. Der Autor geht sogar noch weiter: „Es gab keinen Tag, an dem ich nicht daran gedacht habe, mich mit meinen Gedichten zu beschäftigen (…)“.
„Was gerade passiert, wollte ich festhalten“
Tatsächlich punktieren Gedichtbände seine Vita – seit 1976, als der Band „Reginapoly“ herauskam. Da war Michael Krüger schon eine Stütze des Hanser Verlags, aber noch nicht der Geschäftsführer, als der er später prägend tätig war, bis Ende 2013. Nun also der neue Band. Allerdings ist er zu zwei Dritteln so neu nicht. Denn er enthält drei Werkzyklen, die in sogenannten Künstlerbüchern etwas abseits der belletristischen Hauptströme aufgetaucht sind: „Im Pantheon der Spinnen“ (2021), „flussaufwärts“ (2023) und „Zwölf“ (2024).
Aber es gibt auch frische, unveröffentlichte Texte – und da tut sich Erstaunliches. Sie erscheinen unter der Sektions-Überschrift „Als eine Minute noch aus sechzig Sekunden bestand“. Die Intention: „So vieles von dem, was gerade passiert, wollte ich festhalten, / damit es nicht auch noch verschwindet wie fast alles andere (…)“ da ist er: Der Lyriker als Zeitzeuge.
Maximale emotionale Eskalation
Erstaunlich ist die Heftigkeit, mit der die Realität in diese Gedichte eindringt. Der Angriff Russlands auf die Ukraine erzürnt den Autor aufs Heftigste. Da schreibt einer, der den Zweiten Weltkrieg erlebt hat und der nicht begreift, wie man und Mensch an solcher Barbarei festhalten kann. Er nimmt kein Blatt vor den Mund, um seinem Zorn Luft zu verschaffen.
Die maximale emotionale Eskalation gibt es am 31. März 2022: „Jedes Mal, wenn Vladimir Putin mit seinen für den kleinen Körper / zu langen Schritten über den blutroten Teppich des Kreml / zu einer Pressekonferenz eilt und die beiden adretten Kadetten / mit den seltsamen hohen Helmen und den aufgepflanzten Bajonetten / die goldverzierte Tür aufreißen, um das Männlein durchzulassen, / stelle ich mir vor, wie die beiden jungen Leute aus Wladiwostok / oder Smolensk, Absolventen einer Akademie für die Elite des Reichs, / mit zwei gezielten Stichen den Präsidenten auf Ewigkeit abstechen, / der dann noch, wie das Huhn ohne Kopf, zu den Mikrophonen wankt / und – am liebsten natürlich in deutscher Sprache – verkündet, / dass er sich, was das ewige Leben betreffe, leider geirrt habe.“
„Welche Musik hört Minister Lavrov“
Zuvor schon wurde Gerhard Schröder, mit Moskau in Verbindung stehend, ins Versefeld geführt. Und mehrfach bekommt der russische Außenminister sein Fett weg: „Welche Musik hört Minister Lavrov, / um nicht an die Statistik der Toten denken zu müssen?“ Später dann: „Und in der kurzen Spanne Leben, die ihm noch zugemessen ist, / wird dem Minister Lavrov ein Spiegel vor das Gesicht gebunden, / damit er endlich lernt, ein andrer sein zu wollen, als er ist.“
Grundsätzlich gilt: Michael Krüger schreibt keine Rätsellyrik. Er bevorzugt das Erzählgedicht, das sich öffnet. Allemal ist es mit einem Tag verbunden, was an die Idee des „Journalgedichts“ von Jürgen Becker erinnert, den er schätzte. Da trifft das Private und das Großeganze zusammen wie – dies nur als Beispiel – am 1. März 2022: „Als ich gestern am späten Abend vor die Tür ging, / um mich endlich von dem vermaledeiten Tag zu trennen, / hatte ich das Gefühl, die Welt würde die Zähne zusammenbeißen / so feindselig schauten mich die Sterne an (…)“.
Natur im Nahbereich
Zudem erweist sich Michael Krüger auch in den neuen Gedichten als Freund der Erde. Beharrlich widmet er sich der Natur im persönlichen Nahbereich. Der Flora mit Gras, Quecke und Baum. Der Fauna mit Ameise, Specht, Eichhörnchen und dem Esel Nepomuk, dem er eine philosophische Kompetenz zuschreibt. Der zupfe an den grauen, harten Gräsern herum, ist zu erfahren, „wie ein gelehrter Eremit an den uralten Botschaften.“ Auch purzeln durch diese Gedichte weiterhin die Namen all der Prominenten aus dem Reich der Literatur, die Michael Krüger liest und trifft, las und traf.
Neben der Drangsal des Krieges und der Faszination für die Natur bestimmt die Vergänglichkeit die neuen Gedichte. Am 1. Januar – er schreibt: Jänner – 2022 hält er fest: „Wenn ich durch unseren Garten gehe, denke ich nicht an das Alter des Bodens, nur daran, wie oft ich wohl noch über diese Wiese gehen kann.“ Andererseits bekundet er Tatendrang: „Ach, so viel wäre zu sagen, wenn wir uns noch einmal wiedersehen sollten.“ Das klingt gut: Michael Krüger hat noch etwas auf Lager.
Martin Oehlen
Auf diesem Blog
haben wir schon einige Male auf Michael Krüger verwiesen. Zuletzt stellten wir seine Veröffentlichungen „Verabredung mit Dichtern“ (HIER) und „Das Strandbad – Szenen einer Kindheit“ (HIER) vor.
Michael Krüger: „Die Wiedereinführung der Sanduhr“, Suhrkamp, 160 Seiten, 20 Euro. E-Book: 16,99 Euro.

Schön, dass auch Gedichte geschrieben werden, die sich der Leserin öffnen!
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Danke für die einfühlsame Besprechung. Die moralische Empörung über den russischen Angriffskrieg und das Leid der Opfer ist nachvollziehbar. Zugleich beschäftigt mich ein anderer Gedanke: Auch Wladimir Putin besitzt eine Menschenwürde, die ihm niemand nehmen kann – selbst wenn er für mögliches Unrecht politisch und rechtlich zur Verantwortung gezogen werden muss. Gerade die Unantastbarkeit der Menschenwürde unterscheidet den Rechtsstaat von Gewalt und Vergeltung. Vielleicht liegt die Stärke von Literatur auch darin, Zorn auszudrücken, ohne den Blick auf dieses grundlegende humanistische Prinzip ganz zu verlieren.
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Vielen Dank für die freundlichen Worte zur Besprechung! Und vielen Dank für die Anmerkung zur Unantastbarkeit der Menschenwürde. Das sehe ich genauso.
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