„Die große Frau des Jahrhunderts“: Heike Geißlers Roman „Michaela Kohlhaas“ erzählt die Geschichte einer Empörung

Foto: Bücheratlas / M. Oe.

Diese Frau ist ein „Ereignis“. Eine „Überraschung“. Ja, sie ist „die große Frau des Jahrhunderts“. So lesen wir es in dem Roman „Michaela Kohlhaas“ von Heike Geißler. Die Schriftstellerin, der im März der Heinrich-Böll-Preis der Stadt Köln überreicht worden ist, erzählt darin von der stellvertretenden Verwalterin eines kleinen Friedhofs im Leipziger Südosten. Als Tochter arbeitsamer Eltern ist sie in einem „engen Land“ aufgewachsen und hat mit der Zeit gelernt: „Die meisten Länder neigen jetzt zur Enge.“ Aber eines Tages macht Michaela Kohlhaas nicht mehr mit. Schluss mit der Friedhofsruhe.

Das Rechtsgefühl des Pferdehändlers

Michaela Kohlhaas bricht aus und auf und startet eine private Revolte. Warum und gegen wen? Dazu gleich mehr.  Zuvor müssen wir auf den Titel eingehen. „Michaela Kohlhaas“ bezieht sich selbstverständlich auf Heinrich von Kleists Novelle „Michael Kohlhaas“ aus dem Jahr 1810. Es ist die empörende Geschichte eines Pferdehändlers, dem im 16. Jahrhundert übel mitgespielt wurde. Das Unrecht wollte der Ehrenmann nicht auf sich sitzen lassen: „Das Rechtgefühl aber machte ihn zum Räuber und Mörder.“

So weit geht Michaela Kohlhaas nicht. Sie ist keine Mörderin. Und in Sachen Raub belässt sie es beim Mundraub. Ihre Radikalität, ihr Bruch mit der gesellschaftlichen Konvention, ist von anderer Art. Was die weibliche Rächerin vom männlichen Rächer unterscheidet, ist nicht nur der Buchstabe „a“ im Titel. Vermutlich könnte Heike Geißlers Geschichte auch ohne das literaturhistorische Augenzwinkern funktionieren – ohne dieses Spiel mit bekannten Namen und Motiven aus der Kleist-Novelle.

„Diese unvorteilhaft eingerichtete Welt“

„Was war denn los, was hatte sich denn ereignet“ – diese Fragen tauchen auf, als Michaela Kohlhaas unvermittelt die Arbeit auf dem Friedhof niederlegt. Auslöser für ihren Aufbruch ist die Umgestaltung einer geliebten Kneipe in eine stylische Bar; dafür hat der Galerist Wenzel von Tronka gesorgt, der mit dem Oberbürgermeister zu kungeln scheint. Aber diese Baumaßnahme ist nur der letzte Tropfen, der das Fass zum Überlaufen bringt.

In Wahrheit, so steht es geschrieben, gründet der Kohlhaas-Konflikt tiefer: „Ihre Geschichte begann mit viel älteren Geschichten, die ihr erzählt worden waren, von denen sie gehört hatte, Geschichten, die anders hätten verlaufen können oder müssen.“ Der Kohlhaas passt die ganze Richtung nicht, die für sie als Frau, Bürgerin, Arbeitnehmerin etc. vorgesehen ist. All diese „Zumutungen“.  Krieg, Enteignung, Übertölpelung. Sie habe zu lange das Missverständnis gelebt, sagt sie, dass sie sich auf die Welt zubewegen müsse, auf „diese unvorteilhaft eingerichtete Welt.“  Und nie sei es „mit rechten und gerechten Dingen zugegangen“.

„Ein Geschäft der Rache“

Der Abschied vom alten Leben fällt der Kohlhaas nicht sonderlich schwer. Einen nostalgischen Anflug übersteht sie locker: „Nur kurz noch fiel der Schnee von gestern.“ Sie legt die alten Rollen ab. Meidet den Arbeitsplatz. Verlässt ihre Wohnung. Zieht mit einem Planwagen umher. Reduziert die Körperpflege. Gelangt in ein Schloss, eine Talkshow, eine Datsche in Hanglage und in einen Wald. Sie irritiert die Menschen, wo sie auftaucht, wird bedroht und vertrieben. Die Rolle als „Aussätzige“ scheint ihr zu behagen. Sie fühlt sich zu nichts und niemandem verpflichtet. Eine Sagengestalt, wie es einmal heißt, aber lebend.

Doch noch einmal: Was eigentlich wollte sie? Der Roman gibt nur zögerlich Auskunft. Einmal wird eine Nachricht von ihr zitiert: „Sie schrieb, sie hätte Lust, ein Geschäft der Rache zu installieren und jene zu schädigen, die ihrerseits vor allem damit beschäftigt waren, andere zu schädigen.“ Doch dieses Geschäft kommt nicht in Schwung. Ein Schwert führt sie mit sich. Doch das ist stumpf. Sie droht, die Stadt an drei Ecken anzustecken. Doch die Drohung ist leer.

Erzählerin macht nicht mit

Anders als beim Kleist’schen Pferdehändler, der bald schon mit einem „Haufen“ Leute unterwegs ist, schließt sich niemand der Kohlhaas an. Nicht einmal die namenlos bleibende Ich-Erzählerin. Die beiden Frauen haben sich auf dem Friedhof kennengelernt. Die Erzählerin hegt einige Sympathie für die „beispielhafte“ Frau, wie sie insgesamt 15 Mal bezeichnet wird.

Auch gibt es Momente, in denen es scheint, als könnte sich die Erzählerin von ihrer Familie lösen. Eines Morgens packt sie tatsächlich ihren Rucksack und zieht los – aber „dann kehrte ich um und war am Nachmittag wieder zuhause.“ So weit wie Michaela Kohlhaas ist sie noch nicht.

Es bleibt spannend

Heike Geißler findet für ihre Geschichte einen wunderbar eingängigen Ton. Es ist ein sanftes, rhythmisches und dichtes Strömen. Gespickt mit schönen Formulierungen. Auch hat der Text seine komischen Seiten. Und gerne wird auf bevorstehende Unbill verwiesen, ohne Details vorwegzunehmen, damit wir neugierig sind auf das, was uns noch erwartet. So bleibt es spannend.  

Der Roman erzählt die märchenhafte Geschichte einer Empörung. Dass eine Aussteigerin die Verhältnisse nicht im Alleingang verändern kann, war zu erwarten. Dies gilt erst recht, wenn der Protest und die Perspektive so diffus sind wie in diesem Fall. Michaela Kohlhaas hatte keine Chance. Aber die hat sie genutzt.

Martin Oehlen

Auf diesem Blog

berichteten wir HIER über Heike Geißler anlässlich der Verleihung des Böllpreises der Stadt Köln.

Heike Geißler: „Michaela Kohlhaas“, Suhrkamp, 254 Seiten, 24 Euro. E-Book: 19,99 Euro.

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