Die Dicke, der Kleinwüchsige und die Macht der Blicke: „Schau mich an“ von Elif Shafak

Foto: Bücheratlas

„Vielleicht werden uns ja die tiefsten Wunden über die Augen versetzt“, spekuliert einer, der es wissen muss: BC, ein Mann mit großen Händen und einem winzig kleinen Körper. Kaum 80 Zentimeter misst der Kleinwüchsige. Unablässig ist er der Neugier einer Welt ausgesetzt, die sich kaum sattsehen kann an seinem Anderssein.

Auch seine Freundin leidet unter den Blicken, denen sie ausgesetzt ist, kaum hat sie die gemeinsame Wohnung verlassen. Denn die namenlose Ich-Erzählerin ist dick. Sehr dick. Vergebens versucht sie, „den Blicken der Menschen zu entkommen, ihren Augen, die mich unentwegt mustern, auf mich zeigen“. Irgendwann kündigt sie ihren Job, um nicht mehr auf die Straße gehen zu müssen, und verbringt ihre Tage auf der Dachterrasse unter einem lila Sonnenschirm.

Denn „da draußen“ ist das Land, „wo einem Etikette verpasst“ werden.  „So wie ein Raucher abends Tabakgeruch in den Haaren hat, roch ich beim Nachhausekommen die Buchstaben d-i-c-k in meinen Haaren. Darum wusch ich mir immer gleich als Erstes den Kopf und sah zu, wie die Buchstaben kreisend im Abfluss verschwanden. Manche aber gingen nicht heraus, sie klebten an mir wie Kletten.“    

Eindringlich schildert Elif Shafak in ihrem bemerkenswerten Roman „Schau mich an“ die Qualen einer Frau, die nicht aufhören kann zu essen. Lässt sie mit einer erfrischenden Selbstironie von ihren Fress- und Kotzattacken erzählen, von schwierigen Fahrten in türkischen Sammeltaxis und überfüllten Straßenbahnen, von desaströsen Ausflügen mit BC ins Istanbuler Nachtleben und ihrer erfolglosen Grapefruitdiät. Allein in der Gegenwart von BC fühlt sie sich wohl. „Was immer wir über das Aussehen des anderen zu sagen hatten, hatte wir uns gleich am ersten Tag gesagt. Und wie auch immer unsere Körperformen sich gestalteten, waren wir für das Auge des anderen so fließend und wandlungsfähig wie Wasser.“  

Doch „Schau mich an“ ist weitaus mehr als ein Buch über eine dicke Frau und einen kleinen Mann, die sich zurechtgerappelt haben in ihrer Außenseiterrolle. Da gibt es noch eine Parallelgeschichte über den märchenhaften Keramet Mumi Keske Memis Efendi, dessen Gesicht aus Wachs ist und der in einem Kuriositätenkabinett die schönste und die hässlichste Frau der Welt ausstellt. Wir erfahren, was es mit dem schrecklichen Zobelmädchen aus den sibirischen Wäldern und mit La Belle Annabelle aus Frankreich auf sich hat und warum ein kleines Mädchen esssüchtig wird.

Virtuos spielt Elif Shafak mit verschiedenen Zeitebenen und Erzählelementen und flicht daraus ein wunderbares Buch über die Macht der Blicke, denen niemand entgehen kann. Denn „wir fürchten uns sowohl davor, gesehen zu werden, als auch vor allem, was wir nicht sehen“. Weil „doch unser ganzes Sein, und natürlich auch unser Nichtsein, eigentlich auf dem Sehen und Gesehenwerden gründet“.

Petra Pluwatsch

Elif Shafak: „Schau mich an“, dt. von Gerhard Meier, Kein & Aber, 400 Seiten, 24 Euro. E-Book: 18,99 Euro.

2 Gedanken zu “Die Dicke, der Kleinwüchsige und die Macht der Blicke: „Schau mich an“ von Elif Shafak

  1. Es ist schon erstaunlich, welche Rolle das Sehen und Gesehen werden in unserer Gesellschaft und für den Menschen überhaupt spielt. Auch für Sarte war der Blick ja ein wesentlicher Bestandteil des Menschseins: „Im Blick des Anderen erfahre ich den Anderen als Freiheit, die mich zum Objekt macht.“

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