
Dass es am Ende doch nicht der Deutsche Buchpreis für „Aton und Alma“ geworden ist, nimmt Dana Vowinckel ziemlich gelassen. Ursprünglich habe sie andere Reisepläne für den Oktober gehabt, sagt die Autorin bei ihrer Lesung im proppenvollen Saal des Kölnischen Kunstvereins, in den das Literaturhaus Köln geladen hatte. Doch dann sei sie plötzlich mit den Kolleginnen und Kollegen von der Shortlist bei der Preisverleihung im Frankfurter Römer gesessen. Natürlich habe sie bei der Bekanntgabe einen gewissen Adrenalinpegel erreicht. Nachdem dann Shida Bazyar die Auszeichnung für „Die Lücken“ erhalten habe, sei sie völlig entspannt gewesen: „Ich habe auf der Buchmesse nur noch Party gemacht.“
Hinsetzen und schreiben
Über das Schreiben des Romans könne sie kaum etwas sagen, behauptet Dana Vowinckel, denn sie könne sich gar nicht genau daran erinnern. Tatsächlich weiß sie dann im Gespräch mit Anne Burgmer, der Feuilleton-Chefin des Kölner Stadt-Anzeigers, jede Menge aus der Werkstatt zu berichten.
Dass sie erst einmal eine Kurzgeschichte von drei Seiten geschrieben habe, die gleichsam der Plot von Anton und Aalma war und die niemand drucken wollte. Dass sie zu Beginn Alma und Anton ausführlich vorstellen musste, ehe es zu schweren und schwerstwiegenden Ereignissen kommt. Dass sie die personale Erzählperspektive schätze, die ihr als Erzählerin alle Freiheiten gebe: „Mit dem Ich bin ich noch nicht warm geworden – aber vielleicht kommt das noch.“ Dass sie keine Schreibrituale pflege. Dass sie Anton ein Exposé für eine Doktorarbeit geschrieben habe, das sie möglicherweise demnächst selbst an einer Uni einreiche. Dass „alles Recherchemäßige horrorschlimm“ gewesen sei. Dass ihr hingegen die Dialoge leichtgefallen seien, vielleicht auch deshalb, weil das andauernde Chatten trainiere. Dass sie zudem Linguistik studiert habe und wisse, wie man einen Satz baue. Dass ihre großartige Lektorin („mit Bleistift auf Papier“) 200 Seiten gestrichen habe. Dass es in der Endphase schlaflose Nächte und einen Nervenzusammenbruch gegeben habe. Und dass dies der Zentralschlüssel zum Schreiben sei: „Sich auf den Hintern setzen und machen!“ Mit anderen Worten: „You can’t publish an empty page.“
Erst Lalalala, dann Krisekrisekrise
Der Roman, der dabei herausgekommen ist, hat es tatsächlich in sich. Da ist alles drin. Mit den Worten der Autorin: Romanze, Satire, Tragödie. Einmal fasst sie den Roman solcherart zusammen: „Lalalala – babababa – Krisekrisekrise“. Dana Vowinckel erzählt griffig, lustig und tieftraurig von Anton und Alma, von Lust und Frust, Einverständnis und Missverständnis, Treueschwüren und Trennungsdramen. Dann aber auch von unterschiedlichen Herkunftsschichten. Schließlich geht es um Vergangenheit und Gegenwart, die besonders aufgeladen sind, weil Anton Jude ist und Alma offenbar eine Nachfahrin von Martin Bormann, dem Nazi-Verbrecher.
Doch vor allem hat sich Dana Vowinckel für das Thema der Konversion interessiert. „Darüber wollte ich mehr erfahren.“ Nirgendwo in der Welt, sagt sie, konvertierten so viele Menschen zum Judentum wie in Deutschland. „Also, sorry, diese Faszination kann kein Zufall sein.“ Sie selbst, 1996 als Tochter eines Juden und einer Protestantin geboren, ist den Schritt mit elf Jahren gegangen.
„So messy und widersprüchlich“
Als Alma im Roman kundtut, dass sie zum Judentum konvertieren wolle, triggert das Anton enorm. Allerdings gar nicht positiv. Hier mal seine Reaktion in voller Länge: „Es war schon ein guter Witz, das musste er zugeben, beinahe so gut, dass er Alma verzeihen wollte, dass er sagen wollte, das Leben ist halt so, messy und widersprüchlich, und, meine Fresse, dann bist du halt eine von den Deutschen, die konvertieren, gleichzeitig bist du ja ganz anders, du, Alma Bormann, bist anders als die anderen Deutschen, und dann hatte er erneut lachen müssen, das war ja eine Satire wie aus dem Lehrbuch: er, der Jude, der sich den Kopf zerbrach über die Staatsraison, darüber, ob der Philosemitismus wirklich so existierte, wie alle ihn beklagten, und dann seine Freundin, Nazi-Nachkommin, die unbedingt ein Kind von ihm wollte, die zum Judentum konvertierte, bei der er Zuflucht gesucht und gefunden hatte nach dem größten Massaker an Juden nach dem Holocaust. Ertappt, das passierte in allen guten Satiren, Leute wurden ertappt.“
Ja, man könnte meinen, dass in diesem Roman zu viel aufgetischt wird. Denn auch die Pandemie, der Terrorangriff der Hamas vom 7. Oktober 2023 und der nachfolgende Gaza-Krieg wirken sich auf die Beziehung aus. Und als man glaubt, schon alles gelesen zu haben, kommt es zu einer Wendung, die dem ganzen Roman noch einmal einen dramatischen Kick versetzt. Dennoch ist das für die 500 Seiten nicht zu viel des Guten und Bösen. Zumal hier flott und originell erzählt wird. Den Fortgang der Liebesbeziehung lernen wir aus beiden Perspektiven kennen, so dass vieles doppelt gespiegelt wird und sich reizvolle Unterschiede zeigen.
Zusammenreißen oder nervig sein?
Die Reaktionen und Rezensionen sind weithin positiv. Allerdings wundert sich Dana Vowinckel, dass manchmal der Hinweis kommt, Alma und Anton sollten nicht so nervig sein und sich lieber einmal zusammenreißen. „Aber wenn die sich zusammenreißen würden, wäre das kein Roman“, sagt die Autorin. Und sie gesteht: „Ich hatte Freude daran, die beiden immer wieder aufeinanderknallen zu lassen.“ Alma und Anton, so ihr Eindruck, passten sehr gut in unsere Zeit: „Das Leben als junger Mensch ist sehr schwierig geworden.“
Dann noch ein Wort zur Lage der Literaturnation! Dana Vowinckel beklagt den Trend: „Die lesende Öffentlichkeit geht im Moment extrem moralisierend mit Literatur um.“ Mittlerweile gelte schon als Qualitätsmerkmal, wenn man sich als Leserin oder Leser mit den handelnden Personen identifizieren könne. Das hält sie für ein falsches Verständnis von realistischer Literatur. Ihre Personen dürfen auch Dinge sagen, die politisch oder faktisch unkorrekt sind. Auch kann sie nichts anfangen mit Klagen, dass ein Text zu schwierig oder zu viele Fremdworte habe. Dann schlage sie halt nach oder blättere weiter Zum Ende der intensiven 90 Minuten hält sie fest: „Ich wünsche mir von den Verlagen mehr Mut zur Komplexität.“
Martin Oehlen
Weitere Lesungen
mit Dana Vowinckel und „Anton und Alma“ am heutigen 15. 10. 2026 in Leipzig, am 19. 10. in Dortmund, 21, 10. in Hamburg, 4. 11. in Berlin, 7. 11. in Darmstadt, 9. 11. in Kaufleuten, 13. und 14. 11. in Basel. Nachfolgende Termine sind bereits festgelegt.
Dana Vowinckel: „Anton und Alma“, Suhrkamp, 540 Seiten, 26 Euro. E-Book: 21,99 Euro.
