
Die Geschichte zwischen Kanzlern und Intellektuellen“, schreibt Peter-André Alt, „offenbart überwiegend gestörte, mindestens belastete Verhältnisse.“ Mit diesem Ergebnis seiner Untersuchung war zu rechnen. Doch nicht die Summe ist spannend, sondern es sind – so viel Mathematik sei erlaubt – die Summanden. In diesem Falle sind es die neun Kanzlerschaften in der Bundesrepublik Deutschland zwischen 1949 und 2024.
In „Die Kanzler und die Intellektuellen“ begegnen wir auf der einen Seite Konrad Adenauer (1949-1963), Ludwig Erhard (1963-1966), Kurt Georg Kiesinger (1966-1969), Willy Brandt (1969-1974), Helmut Schmidt (1974-1982), Helmut Kohl (1982-1998), Gerhard Schröder (1998-2005), Angela Merkel (2005-2021) und Olaf Scholz (2021-2025). Aber wer sind die Intellektuellen auf der anderen Seite? Vorneweg: Schriftsteller, dann Vertreter weiterer Kunstsparten, schließlich Wissenschaftler und Publizisten. Wenn wir hier die männliche Form wählen, so entspricht das leider dem dominanten Geschlechterverhältnis. Alice Schwarzer oder Juli Zeh kommen zwar auch mal vor, jedoch eher am Rande. Immerhin hat Angela Merkel den Kreis der Ratgeber um einige Ratgeberinnen erweitert.
Der Gleichgültige
Am Anfang war „der Alte“. Laut Peter-André Alt suchte Konrad Adenauers Regierungsstil keine intellektuelle Bestätigung und litt unter „einem Mangel an frei schwebendem Geist und moderner Kultur“. Allerdings blieb dieser Stil im politischen Sinne konstant – und allein darauf kam es „dem republikanischen Autokraten vom Rhein“ an. Sein Kunstverständnis sei rückwärtsgewandt gewesen. Generell habe er die Intellektuellen ignoriert. Die harmonische und inspirierende Begegnung mit Oskar Kokoschka, der ihn 1966 porträtierte, war eine Ausnahme. Kokoschkas Porträt selbst fand Adenauer „wenig erbaulich“.
Der Gekränkte
Ludwig Erhard war ein Freund moderner Architektur. Der ihm vertraute Architekt Sep Ruf entwarf den Kanzlerbungalow in Bonn. Während Erhard das nüchterne Ambiente schätzte, meinte Adenauer, der Architekt verdiene für dieses Ungetüm zehn Jahre Haft. Legendär dann der Konflikt mit Rolf Hochhuth. Der Schriftsteller attackierte Erhards Slogan „Wohlstand für alle“ als Leerformel. Daraufhin verstieg sich der Kanzler zu einer Wutrede: „Da hört der Dichter auf und da fängt der ganz kleine Pinscher an, der in dümmster Weise kläfft.“ Und dann noch eine Zugabe: „Ich muss diese Dichter nennen, was sie sind: Banausen und Nichtskönner, die über Dinge urteilen, von denen sie einfach nichts verstehen.“
Der Bildungsbürger
Peter-André Alt blick bei seinen Protagonisten auch auf die Jahre vor der jeweiligen Kanzlerschaft. So stellt er bei Kurt Georg Kiesinger fest, dass dieser als junger Leser offen war für moderne Literatur, „aber sein Geschmack blieb konservativ, wie seine Auffassung von Staat und Gesellschaft.“ Kiesinger, der im internen Gespräch gerne seine Bildung demonstrierte, hatte noch als Ministerpräsident von Baden-Württemberg einige Intellektuelle um sich versammelt. Davon nahm er als Kanzler Abstand. „Der Geist war willkommen, wenn er sich in die Strukturen der eigenen Lebensgewissheiten fügte und den einmal gefassten Grundsätzen unterordnete“, schreibt Alt. „Dort, wo er Formen sprengte, Bestehendes komplett in Frage stellte und gegen Ordnungen rebellierte, galt er als Gefahr für das gesellschaftliche Miteinander.“
Kiesingers öffentliches Ansehen war auch dadurch bestimmt, dass er am 1. Mai 1933 der NSDAP beigetreten war. Die Kritik an diesem frühen Parteieintritt nahm nicht ab, schon gar nicht in Zeiten der 68er-Bewegung. Einer der schärfsten Kritiker war Günter Grass. Ausgerechnet – darf man mit Alt sagen, denn vier Jahrzehnte später wurde bekannt, „dass der, der hier so unerbittlich für die Moral kämpfte, selbst ein Belasteter war.“ So hatte der Schriftsteller als 17-Jähriger in der Waffen-SS gedient.
Der Umschwärmte
Günter Grass kam dann in der Ära Willy Brandt groß raus. Wohl nie war der Schulterschluss von Kanzler und Intellektuellen so eng wie zu dieser Zeit. Es begann damit, dass Grass den „Wahlkontor deutscher Schriftsteller“ für den SPD-Wahlkampf von Willy Brandt organisierte. Als Brandt dann Kanzler war, wurde Grass „zum selbsternannten Berater in allen nur denkbaren Politikfragen“. Grass habe mit seinem Engagement „ein ungeschriebenes Tabu“ gebrochen, „das den Intellektuellen auf die reine Beobachtung öffentlicher Angelegenheiten beschränkte“, meint Alt.
Heinrich Böll ließ sich nicht so leicht einspannen. Und Martin Walser verwies auf die unterschiedlichen Welten, in denen Schriftsteller und Politiker lebten: „Organisationen müssen sich taktisch verhalten. Das ruiniert die Sprache.“ Dass Walser sich selbst „kurzeitig untreu wurde“ und die DKP unterstützte, unterschlägt Alt nicht. Und Brandt? Ihn faszinierten weniger die literarischen Texte als vielmehr „die Lebensentwürfe der Künstler, die er aus einer unterdrückten Sehnsucht nach Bohème-Stil und individuelle Freiheit anziehend fand.“
Der Pragmatiker
Dann der Stilwechsel! Helmut Schmidts Weltbild „beruhte auf einem Vertrauen in die Vernunft, das sich mit tiefer Skepsis gegenüber idealistischen Überhöhungen verband“. Anders als Brandt, der sich bei Kontroversen gerne auf die Rolle des Moderators zurückgezogen habe, scheute Schmidt keine Konflikte. Anregungen holte er sich beim Sozialwissenschaftler Karl Popper. Musizierte mit Christoph Eschenbach und Justus Frantz. Verstand sich bestens mit Siegfried Lenz. Allerdings betrachtete er die meisten Schriftsteller als „politische Leichtgewichte“.
Ein Sonderfall ist der 16. Oktober 1977. Während die Befreiung der entführten Lufthansa-Maschine in Mogadischu bevorstand, traf sich Schmidt im Kanzleramt mit Heinrich Böll, Max Frisch, Siegfried Lenz und Siegfried Unseld. Der Termin war lange zuvor anberaumt worden. Und Schmidt sagte nicht ab. Ein fünfstündiger Austausch über die politisch-moralische Frage, ob sich ein Staat erpressen lassen dürfe. Unterbrochen wurde er nur, wenn es neue Lagemeldungen gab und Schmidt die Runde kurz verlassen musste.
Der Geschmähte
Von allen Kanzlern hatte Helmut Kohl bei den Intellektuellen den schwersten Stand. Er sei „zwar belesen, aber im Habitus absolut unintellektuell“ gewesen, lesen wir. Kohls Kulturpolitik habe „zwischen Ideologieverdacht und Unterstützungsbereitschaft“ geschwankt. Es fehlte nicht an Aussagen zu den NS-Verbrechen, heißt es, aber diese seien nicht selten missverständlich und relativierend formuliert gewesen. Dazu zählt Helmut Kohls Formel von der „Gnade der späten Geburt“.
Kontakt hatte er zu den Schriftstellern Reiner Kunze und Hans-Joachim Schädlich, die 1977 aus der DDR in den Westen übergesiedelt waren. Besondere Aufmerksamkeit erregten jedoch seine Besuche bei Ernst Jünger. Dass der durchaus umstrittene Schriftsteller den Kanzler nicht ganz ernst nahm, will Alt an einem Geschenk festmachen: Der greise Jünger habe Helmut Kohl aus seinen Werken ausgerechnet den einzigen Unterhaltungsroman übereicht. Allerdings ließe sich einwenden, dass der Kriminalroman „Eine gefährliche Begegnung“ zum Zeitpunkt des Treffens gerade erst erschienen war – also topaktuell war.
Der Nichtleser
Der Politiker Gerhard Schröder suchte schon früh „die Nähe zu Malern, Grafikern und Filmleuten“. Dabei blieb es auch in seiner Kanzlerschaft. Zu seinen Freunden unter den bildenden Künstlern zählten Jörg Immendorff und Markus Lüpertz. Mit Dichtern und Denkern tat er sich schwerer. So bekannte er 1979 am Rande der Frankfurter Buchmesse, er lese nicht mehr, „weil das vom eigenen Nachdenken ablenkt“. Die Suhrkamp-Verlegerin Ulla Unseld-Berkéwicz habe als Vermittlerin zwischen dem Kanzler und der intellektuellen Szene gewirkt, schreibt Alt.
Kulturpolitisch setzte Gerhard Schröder einen neuen Akzent, indem er gegen einigen Widerstand ein Kulturstaatsministerium einrichtete. Ein kluger Schachzug, meint Alt. Die Einrichtung erzeugte nicht nur mehr Aufmerksamkeit für Kunstfragen. Auch konnte sich Schröder bei Kontroversen hinter dem Amtsinhaber, hinter Michael Naumann ducken.
Die Wissenschaftlerin
Angela Merkel – Stammgast der Bayreuther Festspiele – war in ihrer geistigen Welt „durch die Wissenschaft geprägt“. Das habe sich, so Alt, in ihrer Neugierde, Vorsicht und Sachlichkeit niedergeschlagen. Sie sei eine „Kanzlerin der Wissenschaft“ gewesen, die die Forschung unterstützte. Angela Merkel habe die Nähe zu den Intellektuellen – etwa zum Historiker Herfried Münkler – nicht in öffentlichen Runden, sondern im kleinsten Kreis gesucht: „vertraulich, ohne Blick auf Effekte und Image.“
Der Leser
Womöglich war Olaf Scholz der eifrigste Leser von allen, die je das Amt bekleidet haben. Angeblich trug er stets ein Sachbuch in seiner Aktentasche mit sich. Was er an der Literatur schätzt, hat er 2024 auf der Leipziger Buchmesse gesagt. Sie sei „ein hochsensibler Sensor für die Welt von morgen: In ihr zeigen sich die ersten Ausschläge des Kommenden.“ Scholz hat privat mit Autoren und Gelehrten Kontakt gepflegt. Doch in der Öffentlichkeit verbarg er sein Wissen „hinter einer einfachen Rhetorik, die bewusst keine Bildungsbarrieren errichtete“: Nichts habe dem Kanzler Scholz ferner gelegen, als in seinem Amt einen intellektuellen Habitus zu pflegen.
Marginalisiert im Meinungsgestöber
Bundeskanzler Friedrich Merz kommt in dieser Untersuchung verständlicherweise noch nicht vor. Aber aktuell sieht es nicht danach aus, als könnte er den Trend der jüngeren Zeit umkehren. Seit Ende der 1970er Jahre wurde das Lager der Intellektuellen „heterogener und unübersichtlicher“, schreibt Alt. Zudem nahm die Bereitschaft der Bürgerinnen und Bürger ab, sich die politische Lage von „geistigen Wegweisern, Weltdeutern und Propheten“ erklären zu lassen. Ihre Rolle wurde „zwischen den Meinungsgestöbern der sozialen Medien und der neuen Macht der Fachleute“ marginalisiert.
Peter-André Alt, Literaturwissenschaftler an der FU Berlin, legt mit „Die Kanzler und die Intellektuellen“ eine weit ausschreitende, akribisch recherchierte Bestandsaufnahme vor, die den großen Vorteil hat, dass sie süffig geschrieben ist. Es ist ein politisches Lesebuch für alle Kreise. Zum einen erzählt es die „Geschichte einer unbequemen Beziehung“ zwischen Amt und Atelier, Kanzlern und Künstlern. Zum anderen ist es eine Reise durch die bundesdeutsche Geschichte. Da sind wir unterwegs in einer streitbaren Demokratie, deren große Bevölkerungsmehrheit zu keiner Zeit daran zweifelte, welch großes Glück diese Staatsform ist.
Martin Oehlen
Peter-André Alt: „Die Kanzler und die Intellektuellen – Geschichte einer unbequemen Beziehung“, C. H. Beck, 816 Seiten, 48 Euro. E-Book: 40,99 Euro.
