Hals über Kopf hinein in die späte Liebe: Dror Mishanis bewegender Roman „Nicht“

Jerusalemer Abendstimmung Foto: Bücheratlas / M. Oe.

Eli Laniado, 52 Jahre alt und seit einem Jahr verwitwet, hat mit der Liebe abgeschlossen. Was soll nach dem Tod von Oschra noch kommen? Bald 30 Jahre waren sie ein Paar. Zwei Kinder hat ihm seine geliebte Ehefrau geboren. Und jetzt? „Du wirst allein bleiben“, prophezeit ihm der Erzähler in Dror Mishanis berührendem Liebesroman „Nicht“. „Die Kinder werden dich ab und an besuchen kommen, sofern sie überhaupt noch im Land leben. Gelegentlich wirst du mit irgendeiner für ein, zwei Monate ausgehen, vielleicht sogar für ein ganzes Jahr, und ihr werdet so tun, als können zwischen euch etwas passieren.“ Schließlich werde es enden, weil es nie wirklich begonnen habe.

Plötzlich ein Lichtstreif

Doch das Leben belehrt Eli Laniado eines Besseren. Bei einem gemeinsamen Abendessen mit Freunden verliebt er sich Hals über Kopf in die attraktive Cellistin Lia Argow. „Sie ist in deinem Mund und deinen Ohren wie eine Melodie, die du am Vortag gehört hast und die sich seither begleitet“, schreibt Dror Mishani. „Es herrschte Finsternis, und plötzlich bricht ein Lichtstreif herein.“ Lia scheint seine Gefühle zu erwidern, und schon wenige Tage nach ihrer ersten Begegnung sind die Musikerin und der Übersetzer für gehobene Kriminalliteratur ein Paar.

Einfühlsam schildert Dror Mishani, der zu Israels bekanntesten Autoren der Gegenwart zählt, die Ängste und Zweifel eines Mannes, dem das Leben den Glauben an ein Happy End ausgetrieben hat. Wird Gott dennoch ein letztes Geschenk für ihn bereithalten? Oder wird sich Eli Laniados Welt nach einer kurzen Phase des Glücks wieder verdunkeln?

Der Erzähler mischt sich ein

Als er durch eine Unachtsamkeit den Tod von Lias Hund Felix verschuldet, scheinen sich seine Befürchtungen zu bewahrheiten. Aus Angst, seine Geliebte zu verlieren, verschweigt Eli ihr den Tod des Tieres. So wird eine Lüge aus Eigennutz zum Rettungsanker für eine späte Liebe.

Ungewöhnlich ist die Erzählperspektive dieses bewegenden Romans: Der Autor wendet sich in Gestalt eines namenlosen Erzählers direkt an seinen Protagonisten und spricht ihn in Du-Form an. Das ist zunächst gewöhnungsbedürftig, entfaltet jedoch schnell einen Sog, dem man sich nicht entziehen kann.

Petra Pluwatsch

Auf diesem Blog

haben wir von Dror Mishani zuletzt seinen Kriminalroman „Vertrauen“ vorgestellt – und zwar HIER.

Dror Mishani: „Nicht“, dt. von Markus Lemke, Diogenes, 192 Seiten, 25 Euro. E-Book: 21,99 Euro.

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