Lukas Bärfuss hat ein erschütterndes Buch über seine Mutter geschrieben: „Königin der Nacht“

Foto: Bücheratlas / M. Oe.

Der Befund des Lukas Bärfuss ist radikal. Seine Mutter, schreibt er in „Königin der Nacht“, habe sich „nie“ um ihn gekümmert: „Ihre Liebe, ihre Zärtlichkeit, ihr Interesse hatte ich nie gespürt. Sie hatte mich niemals getröstet, keine Wunde verbunden, ich konnte mich nicht erinnern, dass sie mich gewaschen hätte, und wenn ich mir vorstellte, wie meine Mutter mich berührt, befiel mich Ekel.“

Es ist tatsächlich – wie es im Untertitel heißt – „Ein kurzes Buch über meine Mutter“. Lukas Bärfuss genügen rund 120 Nettoseiten, um ein erschütterndes Bild dieser gescheiterten Mutter-Sohn-Beziehung zu zeichnen. Dass der Vater nicht für Kompensation gesorgt hat, weiß die literarische Öffentlichkeit immerhin schon seit vier Jahren. Da erschien der Band „Vaters Kiste – Eine Geschichte über das Erben“. Darin erzählt der Autor von dem Mann, der ihm vor allem Schulden hinterlassen hatte – ein Erbe, das er ausgeschlagenen hat.

Tod in der Karibik

Lukas Bärfuss‘ Buch, eine Mischung aus Memoir und Essay, ist in drei Teile geteilt. Und jedes Mal wechseln Ton und Tempo. Zu Beginn reist der erwachsene Sohn in die Dominikanische Republik, wohin die Mutter mit dem Stiefvater René ausgewandert war, als sie sich das Leben in der Schweiz nicht mehr leisten konnte. Die Nachricht von ihrem Tod ist der Anlass für den Flug in die Karibik. Sie provoziert zudem die selbstkritische Frage, ob und wie er der Mutter hätte helfen können. Die Unruhe, die ihn plagt, gibt der Text auch stilistisch wieder.

Im zweiten Teil geht es etwas entspannter um ihn als Kind. Da ist die Mutter tagsüber als Putzkraft in einem Autohaus beschäftigt. Und abends lebt sie auf. In einer zwielichtigen Bar ist sie die „Königin der Nacht“. Später füllt sie Pulver ab in einer Munitionsfabrik. Es ist eine Kindheit und Jugend in prekären Verhältnissen – in finanzieller, moralischer, sozialer und emotionaler Hinsicht.  

Die Welt im Lexikon

Diese beiden ersten Kapitel formuliert der Autor in einer harten Sprache. Wo sie vom Zorn angespitzt wird, gerät er auch mal in ein Stakkato: „Tagsüber Stechuhr, Spießbürger, Hirntod. Abends zum Zeitvertreib ein Versicherungsbetrüger, ein Dieb, ein Hehler. Amüsierte sich mit den Schnauzbärten und den offenen Hemdkragen. Die Uhren aus Katzengold, das Kölnischwasser aus dem Kaufhaus.“ Geht es hingegen um ein besseres Leben, von dem er träumt, fließt die Sprache: „Die Welt ist groß, und der Junge will in jedem Augenblick die Wahl haben, in welche Himmelsrichtung er gehen mag, er will sich von einem Gedicht bezaubern und belehren lassen.“

Ja, Lukas Bärfus erzählt auch eine „Coming of Age“-Geschichte. Nicht unerheblich ist dabei das Lexikon, das ihm aus dem Haushalt eines Verstorbenen überlassen wird. Er taucht ein in die 30 Bände, wacht auf aus seinem Schlaf und „begreift, dass seine Welt keine Grenzen kennt.“

Fachliteratur sorgt für Unruhe

Im dritten Teil, in dem der Autor „ich“ sagt, bekommt der Text einen essayistischen Akzent. Da entfaltet er seine Gesellschaftskritik aus der eigenen Vita. „Nach den meisten sozialpsychologischen Modellen“, schreibt Lukas Bärfuss, „gilt Mutterliebe als unabdingbar für ein gelungenes, erfülltes, erfolgreiches Leben.“ Sie sei die Grundlage für das Vertrauen in sich selbst und in die anderen Menschen, erfährt er. Wer auf sie verzichten müsse, erleide einen Nachteil.

Die Fachliteratur vermittelt ihm den Eindruck, dass ihm etwas fehle. Nur – er weiß nicht, was es sein könnte. Zweifel keimen: „Vielleicht war der Schaden mein fehlendes Bewusstsein für den Mangel.“ Womöglich sei er doppelt geschädigt: „Erstens durch die fehlende Mutterliebe, zweitens durch den ausbleibenden Kummer darüber.“

Nach unten treten

Lukas Bärfuss, in der Schweiz bekannt und bei einigen berüchtigt für seinen kritischen Blick, hat sich zuletzt in seinem Roman „Die Krume Brot“ mit der Armut befasst – und wohin diese führen kann. Nun schreibt er: „Derentscheidende Maßstab für den Stellenwert eines Menschen in diesem Lande war und ist sein Vermögen.“ Seine Mutter, die „keine Bildung“ gehabt habe, vermochte dies wohl nicht zu erkennen. „Sie trat nach unten, nicht nach oben, und beim Anblick eines Starken, eines Erfolgreichen bekam sie weiche Knie. Nicht Angst, Bewunderung befiel sie.“

Einmal fragt sich Lukas Bärfuss, „welcher Dämon Mutter in dieses Gespensterhaus, in diese Geschichte getrieben hat.“ Eine Geschichte, die auch ihn geformt habe. Doch könne er sie „mit niemandem teilen.“ Das stimmt nicht. Er teil sie mit der Leserschaft. Und das ist gut so. Vermutlich auch für ihn, weil das Schreiben heilsam sein kann. Auf jeden Fall ist die Teilhabe gut für die Leserinnen und Leser: Ein familiärer Abgrund wird grell angestrahlt. Kein Dimmer, nirgends, sorgt für milde Beleuchtung, wenn es um die Vergangenheit geht.

Siegreich im Befreiungskampf

Und wo bleibt das Positive? Hier, in der Gegenwart, finden wir es: Lukas Bärfuss, der zeitweise auf der Straße lebte, ist nicht abgestürzt. Nicht in die Obdachlosigkeit und auch nicht in die Kriminalität. Ganz im Gegenteil. Schreibend hat er Karriere gemacht. Und was für eine große Karriere das ist! Anschaulich und überzeugend, emotional und analytisch macht der Büchnerpreis-Träger in „Königin der Nacht“ klar: Er hat seinen Befreiungskampf siegreich beendet.

Martin Oehlen

Auf diesem Blog

haben wir Lukas Bärfuss‘ Roman „Die Krume Brot“ HIER vorgestellt.

Lukas Bärfuss: „Königin der Nacht“, Rowohlt, 128 Seiten, 22 Euro. E-Book: 19,99 Euro.

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