Lilli Tollkiens bewegender Roman über ihre Kindheit im Berliner Szene-Milieu: „Mit beiden Händen den Himmel stützen“

Foto: Bücheratlas / M. Oe.

An schlechten Tagen, und davon gibt es viele in ihrem Leben, an schlechten Tagen also hat Lale das Gefühl, ihre Haut sei zu groß für ihren Körper. Dann möchte sie die lockeren Hautlappen festzurren wie ein Segel, das sich losgerissen hat. An besseren Tagen wäre sie gern „eine feine Dame“. „So wie die Frauen im Fernsehen, mit sauberen Fingernägeln und einem apricotfarbenen Lächeln auf meinen Lippen, in einer Küche aus Edelstahl“, schreibt Lilli Tollkien in ihrem bewegenden autofiktionalen Roman „Mit beiden Händen den Himmel stützen“.

Drogenkonsum und Bankraub

Lales Realität sieht anders aus. Keine sauberen Fingernägel, keine Küche aus Edelstahl. Stattdessen Möbel vom Flohmarkt, offen herumliegende Rohypnol-Tabletten und eine einzige Matratze „auf dem ochsenblutfarbenen Dielenboden“. Als Lale eineinhalb Jahre alt ist, verliert ihre drogensüchtige Mutter das Sorgerecht.

Ihr Vater, ein linker Sponti und Gelegenheitsdealer, sitzt wegen eines misslungenen Bankraubs im Gefängnis. Es war bereits sein zweiter Raubzug. Das erste Mal hatte er kurz vor ihrer Geburt eine Bank überfallen. „Aus Spaß und für die politische Sache, für eine Untergrundzeitung und für die Befreiung von drei Freunden, die nach einem anderen Überfall auf eine Bank gefasst worden waren.“

Nutella-Brot und Missbrauch

Nachdem ein Freund des Vaters sie als Pflegekind aufgenommen hat, wächst Lale in einer patriarchalisch geprägten Männer-WG im Berlin-Kreuzberg der 1980er Jahre auf. „Dort bewegt man sich im Kielwasser der APO und Ulrike Meinhofs, welche in den Sechzigerjahren gegen die autoritären Zustände in der Fürsorgeerziehung der Bundesrepublik angehen wollten.“

Entsprechend lax ist Lales Erziehung. Sie darf nachts wach bleiben, solange sie will. „Ich durfte auf Matratzen springen, Nutella-Brote essen und Fernsehen und Fanta, soviel ich konnte.“ Ein Mitbewohner missbraucht sie regelmäßig, was angeblich niemand in der WG bemerkt.    

Die Schwäche und die Stärke

Eindringlich schildert Lilli Tollkien die Sehnsucht des vernachlässigten Kindes nach festen Regeln und einem geordneten Familienleben. Zudem ist Lale durch den Drogenkonsum der Mutter während der Schwangerschaft geschädigt. Sie hat Probleme, sich zu konzentrieren, und wird als Erwachsene orientierungslos von Job zu Job und von Beziehung zu Beziehung taumeln.

Lilli Tollkien, Jahrgang 1980 wie ihre Protagonistin, verarbeitet in ihrem eindrucksvollen Debüt eigene Kindheitserlebnisse. Es gebe Teile, die stark von ihren eigenen Erfahrungen inspiriert, und solche, die rein fiktional seien, sagt sie in einem Interview. Darüber hinaus gewährt dieser Roman, der von seiner Authentizität und einer starken Heldin lebt, einen tiefen Einblick in die linke Szene Westberlins der 1980 und 1990er Jahre.

Petra Pluwatsch

Lesungen

mit Lilli Tollkien gibt es in Augsburg (27. 7. 2026), Kassel (3. 9.), Lübeck (4. 9.), Hamburg (5. 9.), Heilbronn (24. 9.), Erfurt (28. 9.), Würzburg (8. 10.) und Bremerhaven (9. 10. 2026).

Lilli Tollkien: „Mit beiden Händen den Himmel stützen“, Aufbau, 255 Seiten, 24 Euro. E-Book: 4,99 Euro.  

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