
Das ist eine Punktlandung im Doppelpack! Mit gleich zwei Neuerscheinungen würdigt der Taschen-Verlag das Werk des Künstlers JR. Der Franzose, der nur unter diesen Initialen firmiert, erregt aktuell jede Menge Aufmerksamkeit. Zunächst mit der Vorbereitung zu seiner temporären Verwandlung der Pariser Pont Neuf in eine Höhlenlandschaft. Und nun auch noch mit einem veritablem Sturmschaden.
Hommage an Christo und Jeanne-Claude
Geplant war die Eröffnung der begehbaren Installation für den 6. Juni 2026. Doch kurz zuvor, am 2. Juni, hatten Böen über der Metropole einige Partien der aufblasbaren Skulptur beschädigt. Nun steht erst einmal die Reparatur an. Wann diese abgeschlossen sein wird, ist noch unklar. Ja, und was machen wir in der Zwischenzeit? Genau – wir wenden uns den beiden reich bebilderten Taschen-Büchern zu. Janis Mink gibt einen konzentrierten Überblick über das Werk des Mannes, der die Kunst im öffentlichen Raum bevorzugt. Hans Ulrich Obrist geht die Sache etwas üppiger, zumal bilderreicher an und widmet sich nachdrücklich dem aktuellen Großprojekt. Während das Mink-Buch aus der „Basic Art Series“ bereits vorliegt, erscheint das Obrist-Buch am 16. Juni.
JR, 1983 in Paris geboren und in aller Regel mit Sonnenbrille und Hut unterwegs, ist ein Streetart-Künstler der vielen Facetten. Begonnen hat er mit Graffiti, entdeckte dann die Fotografie und dreht jetzt das ganz große Rad. In seinen Werken verbindet er Poesie und Gesellschaftskritik, Witz und Spektakel. „La Caverne du Pont Neuf“ (Die Höhle von Pont Neuf), seine jüngste Arbeit, versteht er zunächst einmal als Hommage an das Künstler-Paar Christo und Jeanne-Claude. Das hat bekanntlich nicht nur den Berliner Reichstag (1995) und den Arc de Triomphe (2021) verhüllt, sondern bereits 1985 die Pont Neuf, die älteste Brücke von Paris.

Schutzraum und Kunstort
Nicht zum ersten Mal zieht es JR ins von Gestein umfangene Dunkle und Unbekannte. Als die Sanierung der Opéra de Paris anstand, wurde der Künstler eingeladen, die Fassade des Palais Garnier umzugestalten – genauer: die eingerüstete Fassade zum Anlass einer künstlerischen Intervention zu nehmen. Er entschied sich für eine monumentale Fotowand, wie er sie schon zuvor einige Male verwendet hatte, und präsentierte darauf einen Höhleneingang. Dieses Motiv führt er nun in eine neue Dimension.
Er habe sich für eine aufblasbare Höhlenlandschaft entschieden, sagt JR, weil damit alle Kulturen etwas verbinden könnten. Tatsächlich ist die Höhle mit vielen Bedeutungen aufgeladen, vermutlich vorneweg mit jener als Schutzraum. Sie ist zudem der Ort, lesen wir, an dem die Kunst ihren Anfang genommen hat – mit Händen auf der Felswand, über die Pigmente geblasen wurden, die bis heute faszinieren.

„Es wird schon gutgehen“
„Beim Betreten der Höhle verändern sich Zeit und Raum“, informiert JR die Besucherinnen und Besucher der markant modifizierten Pont Neuf. „Sie befinden sich im Herzen der Stadt, wo alles nach einem präzisen Muster abläuft, doch sobald Sie die Höhle betreten, gelangen Sie in eine andere Zeit.“ Dabei habe er auch Platons Höhlengleichnis – einsitzende Gefangene halten die Schatten an der Wand für Realität – im Sinn gehabt. „Die Idee dahinter ist, dass heute unsere Handys und Algorithmen unsere Höhle sind. Wir glauben, dass das, was wir auf unseren Handys sehen, die Realität ist.“
„La Caverne du Pont Neuf“ ist für JR das bislang größte Projekt seiner Laufbahn. Dass diese Arbeit auch Probleme aufwirft, wie die vom Wind verwehten Plane bezeugen, wird den Künstler nicht weiter erschüttern. Zum einen ist zu lesen, dass er nicht zur Perfektion neige. Zum anderen verweist er im ausführlichen Interview mit Hans Ulrich Obrist auf ein Motto, das „in Gold geschrieben“ in seinem Atelier hänge: „Ça va bien se passer“ (Es wird schon gutgehen). Weiter sagt er, dass man bei solch „überlebensgroßen“ Projekten auch dann durchhalten müsse, wenn man glaubt, es könne nicht funktionieren. Das Schöne sei nämlich, „sich so sehr darauf zu konzentrieren, dass es plötzlich doch klappt.“ Gegen so viel Optimismus kommt auch kein Sturm an. Es wird schon gutgehen.
Martin Oehlen
Auf diesem Blog
haben wir eine sechsteilige Reihe über Paris veröffentlicht – mit Tipps für Rundgänge, Literaturorte, Einkehrmöglichkeiten und vielem mehr. Die Folge zu ausgewählten Museen der Stadt findet sich HIER . Dort auch gibt es genauere Verweise und die Links zu den weiteren Beiträgen der Reihe.
Janis Mink: „JR“, Taschen, Ausgabe auf Englisch oder Französisch, 96 Seiten, 15 Euro.
Hans Ulrich Obrist: „JR – La Caverne du Pont Neuf“, Taschen, zweisprachige Ausgabe auf Englisch und Französisch, 240 Seiten, 40 Euro.

