Die Flöte, der Tonschreiber und das Familiengeheimnis der Arimonds: Norbert Scheuers Jubiläumsroman „Holunderholz“

An die Explosion auf dem Kalvarienberg im Jahre 1949 wird im Wald bei Prüm erinnert. Foto: Bücheratlas / M. Oe.

Norbert Scheuer beschließt „Holunderholz“, seinen zehnten Roman, mit einem Nachwort. Darin ist von der Geburt auf einem Holzbrett die Rede, vom Schreiben und von seiner zuletzt durchlittenen, zwei Jahre währenden Krankheit. Vor allem aber klingt aus diesen Zeilen das Staunen über die Rätselhaftigkeit unserer Existenz. „Vielleicht besteht Erfahrung nicht darin“, bemerkt der Autor, „Gewissheit zu sammeln, sondern darin, mit dem Unabgeschlossenen zu leben und ihm, bei jedem Wiedersehen, ein wenig geduldiger zu begegnen.“

Das Rätsel um Rose

Das Unabgeschlossene und Fragmentarische ist geradezu Programm im Jubiläumsroman. Dessen Basis ist ein „Tonschreiber“, das Magnetophon K3 aus dem Baujahr 1938, sowie drei Tonbänder. Das altertümliche Gerät und die Spulen sind in einem bemitleidenswerten Zustand. Unser Ich-Erzähler Johann ist es, der sich beharrlich bemüht, das Material zu restaurieren und die darauf fixierte Familiengeschichte der Arimonds zu entschlüsseln.

Zwar ist Johann ein Computer-Fachmann, doch die Tücken der Technik aus dem vergangenen Jahrhundert bringen ihn an seine Grenzen. Auf den Bändern sind oft nur Satzfetzen zu vernehmen. Darunter auch solche von Rose, einer jungen Frau mit einer Gaumenspalte, die eine Holunderholz-Flöte besitzt. Sie gleicht einem Fabelwesen und trägt ein Muttermal auf der Brust, wie es typisch ist für die Familie der Arimonds. Nur – wessen Tochter ist sie? Ein Geheimnis rankt sich um die Frau, das nicht zu greifen ist, als läge es versunken auf dem Grund eines Maarsees.

Bekenntnis zur Fiktion

Unter diesen Umständen aktiviert der Erzähler seine Fantasie. Das Wenige, das er den Bändern und einigen nachgelassenen Bleistift-Notizen seiner Mutter entnimmt, ergänzt er mit einer Gewissheit, die er sich zusammenreimt. Mit seinen Worten: „Dann schweigt das Tonband, aber in der Stille beginne ich, mir alles auszumalen.“ Es ist innerhalb der Fiktion gleichsam das Bekenntnis zur Fiktion.

Leserinnen und Leser der Werke von Norbert Scheuer werden hier erneut tiefer in den Erzählkosmos rund um den Ort Kall geführt. Sie treffen zum einen auf alte Bekannte wie den Vogelkundler Paul Arimond oder den Möchtegern-Raumfahrer Lünebach. Zum anderen werden sie auf ein historisch verbürgtes Ereignis verwiesen, das Norbert Scheuer schon 2020 in seiner Dankesrede zum Wilhelm-Raabe-Preis angesprochen hat (und über die wir HIER berichtet haben).

Explosion auf dem Kalvarienberg

Es war der 15. Juli 1949, als der Kalvarienberg in Prüm in der Eifel explodierte.  Wie es dazu kam, dass die dort lagernde Munition Feuer fing und die Kuppe des Berges abgesprengt wurde, ist ungeklärt. Allerdings macht der Roman ein paar Andeutungen. Demnach könnte Johanns Großvater Justus Arimond, den man den „Oberst“ nannte, gemeinsam mit Vincentini die Finger im Spiel gehabt haben. Ja, jener Vincentini, der mit einer Akupunkturmaschine, seinem „Perseus“, schon durch viele Romane von Norbert Scheuer tourte und mutmaßlich den Schlüssel zu manchem Familiengeheimnis besitzt. Einmal heißt es: „Vincentini ist an allem schuld.“

Geht es auf der einen Ebene um die historische Katastrophe in Prüm, lernen wir auf der anderen Ebene den Erzähler Johann kennen. Er fristet ein eher eintöniges Dasein, was formal durch die Wiederholung sich ähnelnder Alltagsmomente unterstrichen wird. Der Job wird ihm „zunehmend gleichgültig“, Freunde hat er nicht und die Beziehung zur verheirateten Maria bleibt – bis zur vorletzten Seite – sporadisch. Eines Tages befördert ihn ein Gallenstein auf die Intensivstation. Schließlich wird er von der Polizei verdächtigt, Kundendaten manipuliert zu haben. Ob da was dran ist?

Aktenzeichen XY-Eifel: Ungelöst

Nichts Genaues weiß man nicht. Aktenzeichen XY-Eifel: Ungelöst. Der Autor selbst bezeichnet sein Schreiben als tastendes Umkreisen. Auf jeden Fall hängt alles mit allem zusammen. Auch schwappt die Vergangenheit in die Gegenwart hinein und mischen sich Erinnertes und Erfundenes.

Bei alledem fällt das scheinbar beiläufig platzierte Kriegs-Motiv ins Auge. Nicht nur rund um die Explosion auf dem Kalvarienberg, jener Nachgeburt des Zweiten Weltkriegs. Sondern auch in der Gegenwart. Da lässt uns Johann teilhaben an seiner Lektüre eines historischen Sachbuchs. Der Verfasser, sagt er, „möchte begreifen, warum unserer Spezies – als einziger aller Gattungen – ein solcher Todestrieb eigen ist; warum die Menschheit sich immer wieder in sinnlose Kämpfe stürzt, als müsse jede Generation die Schrecken des Krieges neu erfahren; und warum wir nicht imstande sind, aus der Geschichte zu lernen.“ Eine Frage, die nur zu gut in unsere Zeit passt. 

Gefühlt sind es 10 Grad

Norbert Scheuer schreibt keine Wohlfühl-Romane. Das beweist „Holunderholz“ auf nachdrückliche Weise. Die Durchschnittstemperatur des Romans liegt bei gefühlten 10 Grad. Wer sich also mit diesem Schriftsteller auf den Weg begibt, muss sich warm anziehen. Und wer auf Gewissheiten aus ist, sollte zuhause bleiben. Alle anderen aber dürfen sich auf eine Reise ins Unabgeschlossene freuen. Es geht nach Kall, also mitten hinein in unser Leben.

Zwar merkt Norbert Scheuer im Nachwort an, das reale Kall sei ein „Ort ohne literarischen Anspruch“. Aber in der Literatur selbst hat das fiktive Kall längst einen prominenten Platz erobert.

Martin Oehlen

Auf diesem Blog

haben wir Norbert Scheuers Werk schon sehr oft gewürdigt. Sein zuletzt erschienener Roman „Mutabor“ wurde HIER vorgestellt.

Lesungen

mit Norbert Scheuer und dem „Holunderholz“ am 6. Oktober 2026 in Rheinbach, am 9. Oktober in Nettersheim und am 10. Oktober gleich zweimal auf der Frankfurter Buchmesse. Weiter geht es am 23. Oktober 2026 in Koblenz.

Funfact

Wer sich auf den Weg zum Kalvarienberg in Prüm macht, wird möglicherweise erstaunt sein, dass sich in nächster Nähe der Holunderweg befindet.

Norbert Scheuer: „Holunderholz“, C. H. Beck, 268 Seiten, 26 Euro. E-Book: 25,99 Euro.

Hinterlasse einen Kommentar

Diese Seite verwendet Akismet, um Spam zu reduzieren. Erfahre, wie deine Kommentardaten verarbeitet werden..