„Jahrtausendflut“ in Erftstadt: Simone Scharberts sehr persönliches „Alphabet des Wassers“

Simone Scharbert bei der Vorstellung ihres neuen Buches im „Aquarium“ der Technischen Hochschule am Ubierring in Köln Foto: Bücheratlas / M. Oe.

Erst der Regen, dann die Flut, das Erschrecken, die Zerstörung, die Verzweiflung – und nun, fünf Jahre später, die Erinnerung. An die „Jahrtausendflut“ erinnert sich und uns Simone Scharbert. In ihrem „Alphabet des Wassers“ erzählt sie von der Katastrophe, als die Erft über die Ufer trat. Die Wahrscheinlichkeit dafür lag bei unter einem Prozent. Aber Zahlen sind keine Dämme.

Risse im Nahbereich

„Plötzlich war Erftstadt eine Insel“, sagt die Autorin bei der Buchvorstellung in Köln, „wenn es auch nicht so schlimm war wie an der Ahr.“ Ausgerechnet im „Aquarium“, einem Veranstaltungsraum der TH Köln, wo sie eine Lehrtätigkeit ausübt, findet die Präsentation der Neuerscheinung statt.

So recht beginnt die Lesung mit dem Zerreißen des Buchcovers. In aller Ruhe trennt Simone Scharbert erst ein Drittel vom Cover, dann ein zweites vom darunterliegenden identischen Blatt, so dass mithilfe des dritten Covers der Titel sichtbar bleibt: „Alphabet des Wassers“. Vermutlich zielt die Idee darauf ab, die Risse, die sich mit der Flut auftaten, zumindest haptisch erahnen zu lassen. Aber – wer weiß!

Kiesgrube in der Nachbarschaft

Gewiss ist, dass die Ausgabe mit Sorgfalt gestaltet wurde. Zuletzt hat Simone Scharbert die Romanbiografie „Für Anna – Eine Belichtung“ veröffentlicht, in der sie die Fotopionierin Anna Atkins würdigt (und wovon auf diesem Blog HIER ausführlich die Rede war). Nun hat die Autorin eine Cyanotypie, mit der ihre Heldin einst Pflanzen und Strukturen fixierte, vom Erftwasser angefertigt und dem Band beigefügt. Ja, und dann steigt auch noch – so will es die Buchgestaltung – der blau eingefärbte Wasserspiegel von Seite zu Seite an (oder müsste er fallen?).

Simone Scharbert selbst wohnt nur einen Kilometer entfernt von der Kiesgrube, die vor fünf Jahren überflutet wurde und teilweise erodierte. Um den Katastrophentag Tag zu erfassen, setzt die Autorin bei dieser sehr persönlichen Erinnerungsarbeit nicht auf laute, sondern auf leise Töne. Kein Aufschreien, sondern ein Wehklagen.

„Als hätten die Häuser sich übergeben“

Manchmal hilft nur das Aufzählen von Wörtern, um eine Ahnung zu vermitteln. Eine Ahnung etwa vom Gestank, „als hätten die Häuser sich übergeben“: „Ich sammle wieder, kann nicht anders. Belebtschlamm. Faulschlamm. Impfschlamm. Klärschlamm. Rücklaufschlamm. Überschussschlamm.“ Als Textsorte für diese Prosa gibt Simone Scharbert „Archiv“ an. Bei vorangegangenen Werken entschied sie sich für „Belichtung“, „Heimsuchung“ und „Anrufung“.

Beim behutsamen Schreiben, das der Autorin eigen ist, dient das ABC als Stütze: „Ein Alphabet des Wassers werde ich anlegen. In mir. Als würde das helfen. Abwasser. Brackwasser. Chlorwasser. In mir werden Wörter sprudeln. Weiter. Deichwasser. Elbwasser. Bei Elbwasser werde ich einatmen, in die Zeit tippen, in die Sprache, ich werde bei Elb an Alb denken, an all die Träume, ich werde Elbe durch Erft ersetzen, ich werde ausatmen. Und weiter sammeln.“

Struktur gegen Chaos

Die strenge Beachtung formaler Strukturen prägt den Band, als gelte es, auf die durch die Flut völlig aufgelösten Strukturen zu reagieren. Simone Scharberts lyrisch grundierte Prosa-Miniaturen sind nur wenige kurze Zeilen lang. Zumeist verbinden sie Beobachtung und Befund, Erfahrung und Erkenntnis. Immer sind es zweigeteilte Notate. Oft formuliert sie zunächst, was ihr auffällt, um es dann, typographisch abgesetzt, gleichsam auf den Punkt zu bringen. So etwa: „Dass ein Fluss auch Überfluss sein kann.“

Gerne setzt die Autorin ab und an das Futur II ein. Aus klanglichen Gründen, wie sie bei der Buchvorstellung bekannte, und weil diese komplizierte Zeitform Distanz schaffe. Diese wirke auf sie wie ein „Schutzmantel“.

Archiv für die Gegenwart

Das „Alphabet des Wassers“ hat nicht nur den Nahbereich im Blick. Das Problem, das beschrieben wird, ist global. Die Autorin stellt fest: „Die Anzahl von Flutopfern steigt unerbittlich. Weltweit. Hochwasserereignisse werde ich fortan nahezu täglich genau verfolgen.“ Auch verweist sie auf Erderwärmung und Flussbegradigung, auf des Menschen Beitrag zu seinem eigenen Unglück. All das: ein öffentliches Privatarchiv für Gegenwart und Zukunft.  

Martin Oehlen

Auf diesem Blog

sind wir auf das Werk von Simone Scharbert schon einige Male eingegangen. Zuletzt ging es HIER um den Band „Für Anna – Eine Belichtung“.

Simone Scharbert: „Alphabet des Wassers“, 110 Seiten, 18 Euro. Zu bestellen über: post@simonescharbert.de

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