Zwei Frauen mit Mut und Power: Maggie Shipsteads großartiger Roman „Kreiseziehen“ erzählt von einem Flug um die Welt

Einmal um die ganze Welt – das ist das Ziel von Marian Graves. Foto: Bücheratlas

Das letzte Zeugnis ihres Abenteuers ist ein Logbuch, jahrelang verborgen im Eis der Antarktis, bis es durch Zufall in einer aufgegebenen Forschungsstation entdeckt wird. „Ich war zum Wandern geboren“, schreibt Marian Graves darin. „Ich war für die Erde geformt wie ein Meeresvogel für die Welle. Manche Vögel fliegen, bis sie sterben.“

Flugpionierin aus Montana

Von der amerikanischen Pilotin selbst, die sich am 31.Dezember 1949 aufmachte, die Erde in der Längsachse zu umrunden, fehlt jede Spur. Seit ihrem Verschwinden im März 1950 ranken sich vielerlei Gerüchte um die unerschrockene Flugpionierin aus Montana. Ist ihr kurz vor dem Ziel das Benzin ausgegangen? Hat ihr Navigator Eddie Bloom die Route falsch berechnet? Wurde ihr ein Schneesturm zum Verhängnis? Oder ist das alles Quatsch, und Marian Graves hat damals überlebt?

Fragen, die sich mehr als ein halbes Jahrhundert später auch Hadley Baxter stellt. Die Hollywoodschauspielerin soll die Hauptrolle in einer Verfilmung von Marian Graves‘ Leben spielen. Deren Name ist ihr von Kindheit an vertraut. Hadley hat ihre Eltern bei einem Flugzeugabsturz verloren, und Marians Buch war ihr ein Trost in einsamen Stunden. „Ich studierte es wie ein Astrologe eine Sternenkarte, weil ich hoffte, dass Marians Leben irgendwie mein eigenes erklären und mir sagen würde, was ich tun und wie ich sein sollte.“ Auch sonst gibt es einige Parallelen zwischen Marian Graves und Hadley Baxter – zwei Frauen, die ihren Weg suchen in einer von Männern bestimmten Welt.

Ein Blumengarten im Sommer

Maggie Shipstead hat die beiden Lebensgeschichten zu einem wunderbaren Roman zusammengeführt, dessen Schwerpunkt auf der Biografie der fiktiven Pilotin liegt. „Kreiseziehen“, das in diesem Jahr auf der Shortlist des britischen „Women‘s Prize for Fiction“ stand, ist das dritte Buch der amerikanischen Autorin, ein knapp 900 Seiten starkes, aus wechselnden Perspektiven erzähltes Werk, so bunt und üppig wie ein Blumengarten im Sommer. Maggie Shipsteads mitreißende Fabulierlust entführt uns nach Montana, nach Hollywood, in die Eiswüsten der Antarktis, nach Alaska, Hawaii und nach Großbritannien, wo Marian während des Zweiten Weltkriegs für die britische Air Transport Auxiliary Kampflugzeuge fliegt. Ein Parforceritt also durch mehrere Kontinente.   

Marian wächst zusammen mit ihrem Zwillingsbruder Jamie bei einem trinkfreudigen Onkel in einem abgelegenen Dorf in Montana auf. Ihre psychisch angeschlagene Mutter ist bei einem Schiffsunglück zu Tode gekommen, der Vater, ein Kapitän, hat einige Jahre im Gefängnis gesessen und verschwindet nach seiner Entlassung ohne Abschied ins Nirgendwo der amerikanischen Westküste. Marians einziger Vertrauter ist der junge Caleb, ein Verlorener wie sie selber, der ihr ein Leben lang treu bleiben wird.

Sie hat den Horizont gejagt

Maggie Shipstead schildert ein Kinderleben in den 1920er Jahren, das geprägt ist von Armut, Einsamkeit und dem unbändigen Willen, herauszukommen aus dem Elend. Marian wirft mit 14 Jahren die Schule hin und schmuggelt Alkohol von Kanada in die USA. Ihre Leben wendet sich, als sie einen Kunstpiloten und dessen Frau kennenlernt.  Jetzt will sie nur noch eines: fliegen. So weit und so hoch wie möglich. Obwohl sie ein Mädchen ist und niemand bereit ist, der 15-Jährigen Flugstunden zu geben.

Eindrücklich schildert die Autorin den Kampf der jungen Frau um die Erfüllung ihrer Träume. Verbissen hält Marian an ihrem Wunsch fest, Pilotin zu werden, selbst wenn sie dafür einen Mann heiraten muss, von dem sie besser die Finger gelassen hätte. Dennoch bereut sie nichts von dem, was ihr den Weg in den Himmel ermöglicht hat. „Ich wusste, dass man den Horizont nie einholen kann, und habe ihn dennoch gejagt“, lautet eine ihrer letzten Eintragungen in ihrem Logbuch. „Was ich getan habe, ist töricht, aber mir blieb keine Wahl.“

Hohl wie ein Kürbis an Halloween

Auch Hadley Baxter wächst nach dem Tod der Eltern bei einem Onkel auf. Mitch Baxter, ein drogenaffiner Regisseur von TV-Schmonzetten, lebt in Hollywood und puscht die Nichte hoch zum Kinderstar. „Nachdem er mich ein paar Monate hatte, forderte er einen Gefallen ein, um mich in einer Apfelmus-Werbung unterzubringen.“ 20 Jahre später ist Hadley der Star einer angesagten Fantasy-Serie – und fühlt sich so hohl wie ein Kürbis an Halloween.

Vorsätzlich ruiniert sie ihre Saubermann-Image als Teenie-Schwarm und fliegt wegen eines öffentlich gewordenen One-Night-Stands aus der Produktion. Wie es weitergehen soll, das weiß sie nicht. „Ich wollte verschwinden wie Marian; ich wollte berühmter denn je sein; ich wollte etwas Wichtiges über Mut und Freiheit sagen; ich wollte mutig und frei sein, wusste aber nicht, was das bedeutet – ich konnte nur so tun, als ob ich es wüsste, und genau das macht Schauspielerei wohl aus.“  

Die eigenen Stärken entdecken

Erst nach und nach erschließen sich die Parallelen in den Lebenswegen der beiden Frauen. Jede versucht auf ihre Weise, sich freizumachen von den Erwartungen anderer und herauszufinden, wo die eigenen Stärken liegen. Maggie Shipstead ist mit „Kreiseziehen“ ein großartiges Erzählwerk über Mut und Frauenpower gelungen, das mühelos mehrere Jahrzehnte umspannt. Und mit einem Ende aufwartet, das so überraschend wie folgerichtig ist.

Petra Pluwatsch

Maggie Shipstead: „Kreiseziehen“, dt. von Harriet Fricke, Susanna Goga-Klinkenberg und Sylvia Spatz, dtv, 862 Seiten, 28 Euro. E-Book: 22,99 Euro.  

2 Gedanken zu “Zwei Frauen mit Mut und Power: Maggie Shipsteads großartiger Roman „Kreiseziehen“ erzählt von einem Flug um die Welt

  1. Liebe Frau Pluwatsch, lieber Martin Oehlen, herzlichen Dank für die interessanten und sachkundigen Rezensionen. Auch wenn nicht gleich jedes Buch auf die persönliche Leseliste kommt – ich freue mich immer, wenn mir mein Mailaccount signalisiert, dass „buecheratlas“ Neuigkeiten für mich hat. Beste Grüße
    Günter Nawe

    Gefällt 1 Person

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