
Wenn ein Roman mit den Worten „Am Abgrund“ beginnt, kann man sich auf einiges gefasst machen. Doch in diesem Falle sorgt der Name der Hauptperson, der noch im ersten Satz eingeführt wird, für Entspannung – Alma Grün, das klingt nach guter Seele und jeder Menge Hoffnung. Tatsächlich surft „Mehr Leben als geplant“ von Veronika Peters angenehm sonnig durch die zuweilen raue See. Und der Roman geht auch gar nicht übel aus. Ganz im Gegenteil.
„Von wegen Frau seines Lebens“
Doch zunächst kommt es dicke für Alma Grün. Ihr Ehemann verlässt sie und zieht zu seiner jüngeren Geliebten: „Von wegen Frau seines Lebens.“ Dann stockt bei der bislang so erfolgreichen Schriftstellerin – Schwerpunkt: „nahezu vergessene historische Frauenfiguren“ – die Karriere. Eine Verlegerin teilt ihr mit: „Heutzutage möchten die Lesenden in ihrer eigenen Befindlichkeit abgeholt werden, die wollen ihre persönlich-emotionalen Erlebnisinhalte in der Lektüre gespiegelt finden und das Herz der Autorin zwischen den Zeilen schlagen hören, da ist dein kühl-analytischer Reportagestil, sosehr ich ihn persönlich schätze, absatztechnisch kontraproduktiv.“
Zum Glück gibt es zwei patente Frauen in Almas Leben. Da ist zum einen ihre Agentin Jana, die auch eine sehr gute Freundin ist. Und da ist zum anderen ihre ehemalige Putzhilfe Bascha, die nun eine Pension leitet. Es kommt, wie man es nicht hatte kommen sehen: Alma Grün, die Intellektuelle mit den Geldsorgen, steigt als Servicekraft ein. „Ich werde Putzfrau, denkt Alma Grün. Putzfrau bei meiner ehemaligen Putzfrau.“
„Schutz und Widerstandskraft“
Wie sich Alma Grün in diesem neuen Leben zurechtfindet, ist eine Geschichte, die gute Laune macht. Dazu gehören auch ein Schildköten-Pärchen, das sie ein wenig zögerlich rettet, und vor allem Janas tendenziell schweigsamer Bruder Werner, den sie als Untermieter aufnimmt. Werner erweist sich als Schildkröten-Versteher. Er weiß, dass die Tiere für Geduld, Ausdauer und Weisheit stehen. „Darüber hinaus gelten sie mit ihrem starken Panzer als Symbol für Schutz und Widerstandskraft.“
All das kann Alma Grün gebrauchen. Zumal sie noch einen weiteren Job zu erledigen hat. Für eine Influencerin mit 40.000 Followern, die ein Buchprojekt begonnen hat und unter Zeitdruck steht, recherchiert sie das Leben der „kapriziösen“ und „verstörenden“ Schriftstellerin Claire Goll. Die komplexe Beziehung zu Yvan Goll ist eine formidable Projektionsfläche, um über Abhängigkeits-Verhältnisse in der Partnerschaft nachzudenken. Ein paar Stichworte lauten: „Treue“, „Betrug“, „Trauer“ und „Die Sekretärin eines Toten“. Alma Grün entwickelt bei der Recherche eine gewisse „feministische Rage“. Und sie fragt: „Wann werden wir damit aufhören, die Lebensgeschichten von Frauen anhand ihrer Männer zu erzählen? Ich für meinen Teil habe das zu oft gemacht.“
„Eine Feier der Selbstfindung“
„Mehr Leben als geplant“ ist ein Mutmach-Buch. Nicht kitschig, sondern lebensnah. Kein Heldinnen-Epos, sondern eine Feier der Selbstfindung – um nicht zu sagen: der Selbstermächtigung. Mit guten Dialogen und psychologisch subtil ausgeleuchteten Personen.
Der Roman hat eine fluffige Schale und einen kräftigen Kern. Zudem ein Herz für Schildkröten. Und vor allem jede Menge Frauen-Power.
Martin Oehlen
Veronika Peters: „Mehr Leben als geplant“, Rowohlt Kindler, 256 Seiten, 24 Euro. E-Book: 19,99 Euro.
