Es begann in einer Sommernacht:  Willi Achtens Roman „Rückkehr“ über einen Umweltprotest, der aus dem Ruder läuft

Es begann zwar in einer Sommernacht, wovon Willi Achten erzählt, doch geht es um ein Skigebiet, das ausgebaut werden soll. Foto: Bücheratlas

Schau ich zurück, und ich schaue ständig zurück, seit ich ins Dorf gekommen bin“, sagt Jakob Kilv, dann „begann in jener Sommernacht etwas, das unser Leben veränderte.“ Mit diesen Worten gibt der Ich-Erzähler in Willi Achtens Roman „Rückkehr“ Ton und Thema vor. Einerseits liegt Nostalgie in der Luft, andererseits muss ein Rätsel gelöst werden.

Eskalation im Skigebiet

Jakob zieht es nach vielen Jahren heim in die Berge, zurück in das Dorf seiner Kindheit und Jugend. Dabei gibt er nicht nur seinem Heimweh nach. Auch will er klären, warum einstmals eine Protestaktion von Naturfreunden gegen den Liftbetreiber Bolltner im Skigebiet am Weißkogel völlig aus dem Ruder gelaufen ist. Es war ein Ereignis, das Familie und Freundeskreis auseinanderwirbelte. Wer hatte die Eskalation befeuert, wer wusste Bescheid, wie konnte es dazu kommen? Welche Rolle spielte der Vater, die Mutter, der charismatische Bruno und die Gruppierung Earth First?

Der Piper Verlag wirbt für diesen Roman mit einem Zitat von Norbert Scheuer: „‘Rückkehr‘ ist wunderbar geschrieben, lyrisch, leichthändig und doch tiefgründig. Ich war gespannt bis zur letzten Zeile.“ Tatsächlich sorgt Willi Achten mit viel Aufwand dafür, dass Leserinnen und Leser erst sehr spät im Buch der Auflösung näherkommen.

Die Taktik der Verzögerung

Ja, der Autor strapaziert diese Verzögerungstaktik mehr als nötig. Immer wieder gibt es ein Raunen und eine Andeutung. Zwar bietet sich mehrfach die Gelegenheit zu Aussprache und Aufklärung. Doch sobald die alten Freunde Bruno und Ranz Luft holen, um nun endlich Jakobs Ahnungslosigkeit zu beenden, kommt etwas dazwischen. Als auch Liv, die Jugendliebe, Licht ins Dunkel bringen will, hält Jakob ihr den Mund zu: „Es ist nicht der Augenblick für eine Erklärung.“ Ach, so? Na, dann eben weiter ins nächste Kapitel. Das hält die Spannung aufrecht, aber nervt auch ein wenig.

Dabei ist die auf zwei Zeitebenen erzählte Geschichte attraktiv. Willi Achten hat das Netz aus umweltpolitischen, psychologischen und erotischen Fäden kunstvoll geknüpft. Einige der darin verstrickten Helden sind so eigensinnig und verrätselt, dass ihnen eine poetische Tiefe zuwächst. Auch ist die hier ausgestellte Sehnsucht nach der unversehrten Natur nichts als nachvollziehbar. Und glücklicherweise macht die Vogelwelt-Metaphorik um Bartgeier und Zitronenzeisige rechtzeitig Halt vor dem Zuviel-des-Guten.

Nichts wird vermisst, alles fehlt

Willi Achten – 1958 geboren, in Niederkrüchten-Elmpt am Niederrhein aufgewachsen und in Aachen sowie im niederländischen Vaals zuhause – veröffentlicht seit bald 30 Jahren Lyrik und Prosa. Zuletzt ist bei Piper der Roman „Die wir liebten“ (2020) erschienen. Auch dort wirft er einen Blick zurück in eine Kindheit, die allerdings in den 1970er Jahren angesiedelt ist.

Nun also geht es um die Rekonstruktion einer Sommernacht in den 1990er Jahren. Die Sprache, die der Autor dafür findet, liest sich geschmeidig. Auch wird mancher spruchreife Satz geboten, der ins Hausbuch der Melancholie passen könnte: „Ich vermisse nichts, und mir fehlt doch alles.“ Ob Jakobs Rückkehr ins Dorf an dieser diffusen Gefühlslage etwas ändern kann? Wir sind da guten Mutes.

Martin Oehlen

Willi Achten: „Rückkehr“, Piper, 256 Seiten, 22 Euro. E-Book: 16,99 Euro.

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